Der Bhakta im Zeitalter der Zwietracht

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Sadananda an Vamandas im Lagerkrankenhaus in Dehra Dun am 31.12.43

Seit Beginn des Kaliyuga ist keine schöpferische Göttliche Kraft am Werke, um die menschliche Gesellschaft nach den strengen Richtlinien des Dharma aufzubauen.

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Während Vishnu in den vorhergehenden Yugas wiederholt auf Erden Avatara wurde und Göttliche Kraft in herausragende Persönlichkeiten des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens einflößte, um auf diese Weise, an einem oder an mehreren Orten im Samsara, eine Gesellschaft aufzubauen, die auf theistischen Grundlagen gründet und die jedem ihrer Mitglieder im Grade seiner Willigkeit und Befähigung die Möglichkeit bietet, am Dienst Krishnas teilzunehmen, und so alle Bereiche des Lebens in einem größeren oder geringeren Maße in direkten Kontakt mit dem Dienst zu Krishna bringt, ist es gewiss nicht Krishnas Wille, irgendwo auf der Welt im Kaliyuga eine auf religiösen Prinzipien beruhende Gesellschaft aufrechtzuerhalten, in der die höchste Form des [Gott-]Dienens Herrschaft und richterliche Autorität über andere verleiht. Die Größe des Kaliyuga besteht darin, dass diejenigen, die überhaupt am Dienen Krishnas ein Interesse haben, sich Seinem Dienst ohne Rücksicht auf die Reaktionen der Gesellschaft, in der sie leben, zuwenden können – einer Gesellschaft, in der nur ein Schein-Leben möglich ist. Und sie sind in keinster Weise den sogenannten gesellschaftlichen Verpflichtungen unterworfen, die im Kaliyuga als das Ein- und Alles gelten.

Nichtsdestotrotz profitiert eine Gesellschaft indirekt von der Gegenwart solcher Bhaktas; sogar, wenn diese nach außen hin gar nicht in Aktion treten. Durch die bewusste oder unbewusste Gemeinschaft mit solchen Bhaktas wird anderen, privilegierten Seelen die Gelegenheit gegeben, an deren Dienst teilzunehmen. Auch wenn die Gesellschaft als solche dieses Dienen weder direkt noch indirekt fördert. Es ist völlig sinnlos zu erwarten oder zu erhoffen, dass man im Kaliyuga irgendwo auf der Welt eine auf Gott ausgerichtete Gesellschaftsordnung begründen könnte, da dies nicht Krishnas Wille ist und es nicht der Aufgabe entspricht, die das Kaliyuga im Zyklus der Zeitalter innehat.

Die Versuche, die in verschiedenen Ländern im Kaliyuga unternommen werden, eine Gesellschaft auf ethische, moralische oder soziale Werte zu gründen, sind sinnlose Kraftverschwendung, da alle Werte des Kaliyuga zweitrangige Werte sind, weil nicht das Dienen Gottes ihr Maß ist, sondern sie darauf abzielen, jedermann ein höchstmögliches Maß an materieller Sicherheit und den Erhalt der physischen Voraussetzungen zum Lebensgenuss zuzusichern.

Wird erst einmal verkannt, dass der wahre Sinn des Lebens in all seinen Bereichen darin besteht, Krishna zu dienen, so ist auch eine Einteilung der Mitglieder dieser Gesellschaft nach dem Grad ihrer Befähigung und Willigkeit 2 zu dienen unmöglich – und es tritt an die Stelle einer Gesellschaftsstrukturierung nach eben diesem Kriterium eine Gesellschaftsordnung, in der jeder seinen Platz hat entsprechend seiner Befähigung und Willigkeit den materiellen Lebensgenuss aller bis zum höchstmöglichen Maß durch seinen Beitrag zu steigern. Alle menschlichen Werte gründen im empirischen Charakter des Menschen, nicht in seinem wahren Wesen. Und da das Streben des einen oder einer Gruppe von Menschen nach Lebensgenuss immer in Konflikt mit dem Streben eines anderen oder einer Gruppe anderer Menschen nach Lebensgenuss gerät, ist natürlicherweise die Zwietracht der prägende Charakterzug des Zeitalter des Kali; und zwar eine Zwietracht oder ein Widerstreit, der nicht das Ergebnis des Kampfes zwischen dem Willen zu Dienen und der Gier nach Genuss ist, wie es in früheren Yugas der Fall war, als dieser Widerstreit dazu diente, den Willen zum Dienen noch zu stärken.

Es ist völliger Unsinn dem Krieg und Streit im Kaliyuga in allen Lebensbereichen den verborgenen Sinn zuzuschreiben, dem Endsieg der göttlichen, anti-dämonischen Kräfte zu dienen. In keinem anderen Zeitalter wird die hohle Nutz- und Sinnlosigkeit menschlicher Werte so deutlich offenbar wie im Kaliyuga. Ethische und soziale Werte sind im Kaliyuga nur Schein-Werte, und die Trennlinie zwischen dem sogenannten moralisch Guten und dem sogenannten moralisch Bösen verläuft entsprechend dem Gutdünken derjenigen, die gerade zu Macht gekommen sind und einen Teil der Gesellschaft unter ihrer Kontrolle haben. Alle Bemühungen, die darauf abzielen eine Gesellschaft, gründend auf scheinbar religiösen Prinzipien, wieder aufzubauen, sind fruchtlos, wenn sie nicht im Einklang mit dem direkten Dienen Krishnas sind. Der beste Beweis dafür, dass jemand nicht die geringste Ahnung von der Natur Gottes und der Welt hat ist der, dass er versucht, im Kaliyuga einen Gottesstaat zu errichten – denn dies widerspricht dem Willen Krishnas.

Wer den Wunsch verspürt, Krishna so zu dienen wie Er ist, der muss Ihm dienen ohne Rücksicht auf die Probleme der Menschheit. Für den Menschen im Kaliyuga ist es nicht leicht, sich des falschen Eindrucks zu erwehren, dass die menschliche Gesellschaft als solche einen Wert hätte und dem Reiz hochfliegender Ideale von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu widerstehen, die im gegenwärtigen Zeitalter als die letzte Hoffnung des Menschen angepriesen werden. Viele sind von der verzaubernden Vision einer utopischen Gesellschaft betört, in der jeder dem anderen dienen will – in Wirklichkeit nichts anderes als ein Versuch, diese vergängliche Welt, zumindest zeitweise, zu einem Ort des Lebensgenusses zu machen, indem man so viele Hindernisse wie möglich, die diesem Genuss im Wege stehen, beiseite räumt, was wiederum nichts anderes ist als der Ausdruck der größtmöglichen Gottabgewandtheit und dem größtmöglichen Widerwillen, Krishna zu dienen. Es ist Maya in ihrer allerbetörendsten Form, die den Menschen glauben macht, dass es wert wäre, für ein „heimeliges“ Samsara zu kämpfen.

Der wahre Bhakta ist es zufrieden, wenn er ein paar wenige, würdige Menschen dazu inspirieren kann, sich von allen gesellschaftlichen Ambitionen zu lösen und sich voll und ganz dem direkten Dienen Krishnas zuzuwenden – 3 auch wenn die Gesellschaft nicht zögern wird, solch eine Haltung als asozial zu verschreien. Der Bhakta hat nicht im Sinn, die Werte, um die sich die moderne Gesellschaft streitet, ernst zu nehmen. Die Reaktion der Gesellschaft, wenn er deren ethische und soziale Standards verletzt, ist ihm nahezu gleichgültig, da er nur auf das Dienen Krishnas ausgerichtet ist. Es steht ihm frei, diese Werte zu missachten, wenn sie dem Dienen Krishnas im Wege stehen. Sein Mut und seine Furchtlosigkeit wachsen im Grade der Intensität seines Dienens. Und er ist vollauf zufrieden, wenn sein Dienen Krishna erfreut, auch auf Kosten des schieren Unmutes der weisesten und mächtigsten Nicht-Bhaktas der Menschheit. Es ist der freie Wille des Bhakta, sich den Normen einer Gesellschaft anzupassen, und er ist in keiner Weise verpflichtet, den Zielen dieser Gesellschaft zu dienen. Und die Gesellschaft kann ihn auch nicht dazu zwingen, den Schein aufrechtzuerhalten, wenn er es leid ist, ihren Regeln zu folgen.

Man mag einwenden, dass Menschen im Laufe der Geschichte versucht haben, unter dem Vorwand, Gott zu dienen, ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entkommen. Und wie kann man beweisen, dass jemand, der die sozialen Werte missachtet, dies um des Dienstes Krishnas willen tut? Es gibt keinen stichhaltigen Beweis für den Nicht-Bhakta, genausowenig, wie es einen Beweis für den Atma gibt für den, der ihn nicht erkannt hat – aber jeder, der den Atma erkennen will, wird vom Bhakta eingeladen, die Erkenntnis des Atma mithilfe der rechten Methode zu erlangen. Die Wahrheit aber kann nicht von denjenigen erkannt werden, die sie herausfordern, sondern nur von denjenigen, die bereit sind, ihr in Hingabe zu dienen. Der Rationalist mag nun einwenden: Das ist die Methode, die alle Dogmatiker anwenden, die scheitern, wenn es darum geht, ihre Behauptungen zu beweisen und stattdessen Zuflucht nehmen im Glauben, wo intellektuelle Kontrolle und Rechtfertigung ins Leere laufen.

Aber der Bhakta wird erwidern: Rational kann nur genannt werden, was der Wirklichkeit entspricht – und der Geist des Menschen gehört zur Kategorie der angenommenen aber nicht der tatsächlichen Wirklichkeit. Der einzige Beweis, dass der Bhakta als Atma Krishna dient ist, dass Krishna mit diesem Dienen zufrieden ist. Und die Gesellschaft muss bezüglich dieser Person notwendigerweise weiterhin im Ungewissen bleiben. Die Gesellschaft hat kein Kriterium um zu erkennen, wer ein Bhakta ist und wer nicht, und sie wird in dem Maße getäuscht und betrogen, in welchem sie dem Dienen Krishnas abgewandt ist.

Wenn eine Gesellschaft betrogen wurde, sind die Schuldigen nicht die falschen Bhaktas der Gegenwart und der Vergangenheit, geschweige denn die tatsächlichen Bhaktas. Die Gesellschaft hatte es verdient, betrogen zu werden und so wurde sie betrogen. Und was zählt schon die Anzahl der Menschen, die durch falsche Propheten in Schwierigkeiten gebracht und betrogen wurden im Vergleich mit der Anzahl derer, die von falschen Moralaposteln und politischen Propagandisten ins Unheil gestürzt und belogen wurden? Aber gewiß ist der größte Verbrecher ein Heiliger, verglichen mit demjenigen, der von Gott spricht und Religion predigt, obwohl er weder weiß, wer er selbst ist, 4 noch was Gott ist, noch was die Natur der Welt ist – so wie es die christlichen Missionare in Indien tun.

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Katrin Stamm; © Kid Samuelsson 2007

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