Von Śrī Śrīla Bhakti Siddhānta Sarasvatī Gosvāmī Ṭhākura Prabhupāda, entnommen aus „The Harmonist“ oder „Sree Sajjana Toshani“, Band XXVI, Nr. 5, Oktober 1928, Chaitanya-Ära.

Es ist unter den nicht informierten Kreisen weit verbreitet, dass die Vedantis alle Monotheisten sind, aber die Kritiker können jedoch die Trennlinie zwischen monotheistischen und henotheistischen Vedântins ziehen.
Manche neigen dazu zu verwechseln, dass das henotheistische Denken von der Unpersönlichkeit Gottes die Vorstellung eines persönlichen Gottes hervorgebracht hat. Sie irren sich sicherlich. Der Monotheismus lehnt die Vorstellung einer henotheistischen Sichtweise auf verschiedene weltliche Erscheinungsformen der Unpersönlichkeit strikt ab, deren subjektive Existenz nichts anderes ist als die Symbolisierung der unendlichen Unpersönlichkeit im Rahmen der menschlichen Sinne durch materielle Komponenten.
Die henotheistische Vorstellung hat das wahre Verständnis des Monotheismus in die Irre geführt, der die Einheit und Persönlichkeit Gottes nicht im Weltlichen, sondern im Transzendentalen begründen muss, während sich die Impersonalisten von den Ersteren dadurch unterscheiden, dass sie von einer Abstraktion der konkreten Materie ausgehen. Diese besondere Geisteshaltung der Letzteren missversteht die wahre Gestalt Gottes jenseits der Erscheinungen und möchte die Gestalt der Absoluten Wahrheit in etwas Unvorstellbares und Unbestimmtes pressen.
Der charakteristische Monismus hat deutlich gezeigt, dass die undifferenzierte Art und Weise, die subjektive Existenz des Persönlichen Gottes zu konstruieren, voreilig und töricht ist. Das Konzept der Unpersönlichkeitsanhänger, dass der Monismus ein Teil der weltlichen Vorstellung von unendlichem Raum und Zeit ist, hat keinen locus standi, wenn numerische Unterschiede nicht willkommen sind; und durch sein Eingreifen in numerische Unterschiede hat er den Thron seines unverfälschten Monismus verwirkt.
Auf dem vor einigen Jahren abgehaltenen Chicagoer Religionsparlament hatte ein Henotheist, der sich selbst als Pionier der hinduistischen Prediger bezeichnete, einen guten Eindruck hinterlassen, der von der damaligen Gemeinde geschätzt wurde. Diese Missionsarbeit auf der anderen Seite des Globus hat im alltäglichen Diskurs über Indiens Fortschritte in der philosophischen Spekulation zweifellos Fuß gefasst. Doch die Idee des Monismus wurde durch den besagten Botschafter aus Bengalen in gewissem Maße verzerrt. Er war dem acintya-bhedābheda – der vom Höchsten Herrn Śrī Caitanya Dev vertretenen Theorie der unvorstellbaren gleichzeitigen Verschiedenheit und Nicht-Verschiedenheit – nicht vollends gerecht geworden, deren Interpretation den angeblichen Ideen der Schule des unbestimmten Absoluten, die ihre Argumente aus sinnlichen philosophischen Spekulationen ableitet, völlig entgegensteht.
Der Verkünder des reinen Monotheismus verfolgte einen anderen Entwicklungsweg als den, den die sinnlich orientierten Argumentatoren vertreten. Seine Erkenntnistheorie lässt sich auf vedische Quellen zurückführen, anstatt alles, sei es das Absolute oder das Vergängliche, freimütig in Frage zu stellen. So mancher Monist hat sich unter dem Deckmantel des Henotheismus mehr oder weniger bis zu einem Punkt exponiert, der als „Polytheismus“ durchgehen könnte, obwohl sich die Henotheisten letztendlich als Monotheisten bezeichnen.

Was hat nun der henotheistische Prediger, der sich selbst als Monotheist bezeichnete, gegeben, was von der Versammlung in Chicago als das höchste Geschenk angesehen wurde? Was hat er gesagt, das die Völker der Welt dazu brachte, dem Hinduismus Respekt zu zollen, von dem sie zuvor nur sehr wenig gewusst hatten und auf den sie mit großer Verachtung herabgeschaut hatten? Es war der sogenannte Vedantismus der Māyāvādī-Schule, wie er von Śaṅkarācāryya dargelegt wurde, und nicht der wahre Vedantismus, der durch die śāstras bestätigt wird und von den Vaiṣṇava-ācāryas erklärt wird.
Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die theistischen Weisen vergangener Zeiten die pantheistische Philosophie Śaṅkarācāryyas verurteilen, die den grundlegenden Unterschied zwischen Gott und Seinen Dienern außer Acht lässt. Auf diesen Seiten wurde auch erläutert, dass der Vaiṣṇavismus kein Sektierertum ist, wie es von der Allgemeinheit fälschlicherweise angenommen wird.
Hinduismus bedeutet schlichtweg die Religion einer bestimmten lokalen Gemeinschaft, nämlich der Hindus.
Er ist keine universelle Religion. Der Vaiṣṇavismus hingegen bedeutet sowohl wörtlich als auch faktisch den Dienst zu Viṣṇu, dem alles durchdringenden Höchsten Herrn, durch alle ewigen individuellen Seelen. Er ist nicht nur die Religion der Hindus, sondern aller manifestierten Wesen der Welt – eine universelle Religion im wahrsten Sinne des Wortes. Er umfasst auch das Christentum und den Islam. Derjenige, den Christus und Mohammed als Gott bzw. Allah bezeichnen, ist im Wesentlichen ein Teilkonzept von Śrī Kṛṣṇa. Doch die Namen Gott und Allah, die Symbole zur Bezeichnung der unmanifestierten Wirklichkeit sind, gehören nicht derselben Kategorie an wie der Name, durch den Er sich manifestiert. Der Name Kṛṣṇa ist der eigentliche Name der Höchsten Wirklichkeit oder des Positiven Absoluten und keine bloße Bezeichnung wie „Gott“ oder „Allah“.
Wer immer das eigentliche Privileg hat Gott zu hören und zu sehen, sieht Ihn als Kṛṣṇa. Diejenigen, die Gott nicht gesehen haben und ihn daher nicht wirklich kennen, bemühen sich, ihn mit Begriffen aus ihrem Vokabular zu bezeichnen, von denen sie annehmen, dass sie die unbekannte Wirklichkeit hinreichend zum Ausdruck bringen. Diese von Menschen geprägten Bezeichnungen sind in ihrer Form und Bedeutung veränderlich; doch das transzendentale Vokabular, in dem die Bewohner des spirituellen Reiches sprechen und das mit dem Namen Kṛṣṇa identisch ist, besitzt eine ewige und unteilbare Form und Bedeutung. Daher ist der Name Kṛṣṇa, ebenso wie die Höchste Persönlichkeit Gottes, die unveränderliche Wirklichkeit, wobei beide identisch sind – eine Beziehung, die für den Empiriker unvorstellbar und nur im Absoluten möglich ist.
Christus und Mohamed haben Gott weder gesehen noch gehört. Beide kommunizierten mit Ihm durch ein Medium. Dieses Medium im Falle Christus war der Heilige Geist und es war Zebrail im Fall von Mohamed. Zebrail nahm Mohamed barmherzig auf den Rücken eines Borak (himmlisches, weißes, geflügeltes Ross) und ließ ihn das Nur Elahi, bzw., das Licht Gottes sehen. Als Mohamed das Licht Gottes erblickte, verließen ihn die Sinne und er konnte nicht erkennen, was dort im Lichte war. Unsere Heiligen Schriften sagen, dass im Licht Kṛṣṇa ist. Er ist nur für jene Augen erkennbar, die durch den bereitwilligen, selbstlosen Dienst seiner liebevollsten Geweihten geschult wurden.
Der Dienst zum unbekannten Gott ist notwendigerweise vage und besitzt keine wahre Liebe und ist nicht lebendig, die den Dienst zum konkreten Absoluten, Kṛṣṇa, charakterisieren. Die wahre Liebe zu Kṛṣṇa, die die höchste und einzige Pflicht ist, ist selbstmanifestiert als die ewige Aufgabe der individuellen Seelen. Die Christen und die Mohamedaner haben daher keine Ursache, sich von dem Vaiṣṇava zu unterscheiden. Jedes Wesen, sei er Christ, Mohamedaner oder Hindu, Mann, Frau, Baum oder Katze ist ein potentieller Vaiṣṇava. Der einzige Unterschied zwischen einer einzelnen Seele und einer anderen besteht darin, inwieweit sie die Liebe zum wahren, persönlichen Gott, nämlich Śrī Kṛṣṇa, verwirklicht hat.

Nichts ist unnötiger, als ein Streit mit einem Vaiṣṇava. Im Vaiṣṇavismus werden alle scheinbaren religiösen Unterschiede tatsächlich in Einklang gebracht. Was die wahren Muslime und Christen im Koran und in der Bibel finden, verwirklicht sich vollständig und in vollem Umfang in der transzendentalen Vollkommenheit der Religion des Bhāgavat. All diese historischen Religionen werden eines Tages anerkennen, dass sie Ansätze sind, die zur vollständig offenbarten ewigen Religion führen, die im Bhāgavat verkörpert ist, von deren fernem Abglanz sie bisher nur einen flüchtigen Eindruck bekommen konnten.
Das Bhagabat erklärt Sri Kṛṣṇa als den Höchsten Herrn. ‚Hari oder Kṛṣṇa ist der Herr Māyā, bzw., der Welt der Phänomene, wogegen Śiva, Śakti und andere Götter und Göttinnen, Teil der erschaffenen Welt sind.‘ „So wie das Wässern der Wurzeln eines Baumes den Stamm, die Äste und Zweige nährt und so wie Nahrung dem lebenswichtigen Prinzip geopfert wird, da sie alle Sinne nährt, genauso, werden nur durch die Verehrung Kṛṣṇas alle Götter und Göttinnen gebührend gedient.“ Das wird in der Gītā untermauert: „Kṛṣṇa ist der einzige Herr und Genießer der Opfergaben.“ Diejenigen, die andere Götter als seine Rivalen betrachten und glauben, dass sie unabhängig von Ihm sind, kennen Ihn nicht wirklich und begehen einen Fehler. „Diejenigen, die anderen Göttern und Göttinnen treu ergeben sind, verehren in der Tat Kṛṣṇa, aber auf die falsche Weise. Eine solche Verehrung ermöglicht es ihren Anhängern, in die vergänglichen Reiche dieser Götter und Göttinnen zu gelangen. Sie führt sie jedoch nicht in das spirituelle und ewige Reich Gottes.‘
Das Rg Veda sagt, dass die transzendentalen suris (Seher) Viṣṇu immer sehen, wie Er sich manifestiert, genauso wie die sichtbare Sonne am Himmel. „Kṛṣṇa“, sagt in der ‚Brahma-saṁhitā ‘: Der Höchste Herr, Seine Form, die aus den Prinzipien des Seins, der Erkenntnis und Glückseligkeit besteht ist die Ursache aller Ursachen.“
All das wird im Caitanya-caritāmṛta zusammengefasst: „Kṛṣṇa ist der Herr von allem, der Höchste Herrscher der Welt; die anderen Götter und Göttinnen sind Seine Diener.“
Aus allen sāstras lassen sich Zitate entnehmen, die die Einstimmigkeit der Schriften hinsichtlich der absoluten Herrschaft Kṛṣṇas belegen. Die Existenz der heiligen Hierarchie der Götter und Göttinnen entweiht die monotheistische Lehre des wahren Vedāntismus oder Vaiṣṇavismus ebenso wenig, wie die Existenz des Sohnes, des Heiligen Geistes und einer Hierarchie von Engeln im Falle des Christentums oder die von Nabi, Zebrail und einer Schar von Ferestas im Falle des Islam den monotheistischen Charakter dieser Religionen zunichtemacht.
Die sāstras liefern uns eine zusammenhängende Darstellung der Verehrung Kṛṣṇas im Laufe der Zeitalter. Der Höchste unterteilt einen Zyklus in vier yugas, nämlich Satya, Tretā, Dvāpara und Kali. Wir leben im Kali-yuga. Im Satya-yuga gab es keine Unterscheidung nach Kasten oder varṇas. Es gab nur eine homogene Gemeinschaft, deren Name „Haṁsa“ lautete. Viṣṇu war der einzige Gott, der von dieser Gemeinschaft verehrt wurde, deren spiritueller Führer den Namen „Paramahaṁsa“ trug. Gegen Ende dieses yugas begannen sich die Vorlieben der Menschen in den spirituellen Angelegenheiten zu ändern. Einige, die nach materiellem Wohlstand strebten, begannen, andere Götter und Göttinnen zu verehren. Diese Abweichung führte zur Entstehung der Begriffe „daiva“ und „asura“. Die Geweihten Kṛṣṇas wurden als ‚daiva‘ bezeichnet und diejenigen, die Ihn nicht verehrten wurden ‚asura‘ genannt (Padma Purāṇa). Während Prahlāda ‚sura‘ genannt wurde, d. h. er gehört zur ‚daiva‘ Klasse, sein Vater Hiranyakasipu wird ‚asura‘ genannt, wegen seiner Feindseligkeit zu Viṣṇu (Kṛṣṇa).
Im Zeitalter des Tretā erweiterten sich diese verschiedenen Geschmacksformen und so entstanden die vier Unterteilungen der varṇas der brāhmaṇa, ksatriya, vaisya und sudra. Die brāhmaṇas waren jene, die nur Viṣṇu (Kṛṣṇa) verehrten. Jene Menschen in den anderen varṇas, die die Tendenz zum strikten Monotheismus entwickelten wurden auch in dieser Klasse aufgenommen. So nahm der brāhmaṇa Vasiṣṭha den kṣatriya Viśvāmitra in seine Kaste auf, als dieser eine Neigung zum Brāhmanentum zeigte. Die „sura“- oder „daiva“-Kaste des Satya-yuga wurde nun praktisch durch die brāhmaṇa-varṇa vertreten.
Im Dvapara-yuga zeigte diese zunehmende Vielfalt an Geschmack immer weitere Konsequenzen, woraufhin die verschiedenen Kasten und Glaubensrichtungen entstanden und sich auch innerhalb der Klasse der brāhmaṇas Untergruppen bildeten. Cārvāka, der der Kaste der brāhmaṇas angehörte, vertrat nicht-Vaiṣṇavite-Ideen, wofür er von den anderen theistischen brāhmaṇas verächtlich als Atheist oder rākṣasa (Dämon) bezeichnet wurde. Dieser verächtliche Beiname wurde im Tretā-yuga auch Rāvaṇa wegen seiner Feindschaft gegenüber Rāma gegeben, der mit Kṛṣṇa identisch ist.
Aufgrund dieses Verfalls der brāhmaṇa-Kaste behielten selbst unter denen, die sich als Vaiṣṇavas bezeichneten, nur sehr wenige die Merkmale der ursprünglichen „Haṁsa“-Gemeinschaft bei. Die Masse der brāhmaṇas hörte auf, sich als Vaiṣṇavas zu bezeichnen und die Hüter der vaiṣṇavischen Tradition zu sein. So finden wir Rāmāharaṇa und seinen Sohn Sūta, die keine erblichen brāhmaṇas waren, wie sie einer riesigen Versammlung führender brāhmaṇas das Bhāgavata erklären.
Heutzutage ist es sehr schwierig, einen Vaiṣṇava zu finden, der die reine monotheistische Religion der ursprünglichen „Haṁsa“-Gemeinschaft pflegt, obwohl es in Indien derzeit Millionen von Menschen gibt, die sich seit Generationen zum Glauben an die Herrschaft Kṛṣṇas bekennen, dem Positiven, dem Höchsten und der Absoluten Wirklichkeit, des Wissens und der Glückseligkeit.
