Von Śrīla Bhakti Raksak Śrīdhar Dev-Gosvami Mahārāja
„Wir sollten den Unterschied zwischen einem Diener und einem Händler zur Kenntnis nehmen. Viele Herangehensweisen verfolgen einen gewissen Handelszweck, aber der Charakter eines wahren Geweihten sollte der eines Dieners sein. Śrī Prahlāda Mahārāja hat erwähnt, dass jemand, der mit den sādhus Umgang pflegt und dafür eine Gegenleistung für seine persönlichen Interessen erwartet, mit den sādhus „Handel“ treibt. Er denkt: „Wieviel bekomme ich und wieviel soll ich geben?“ Aber ein reiner Gottgeweihter sollte keine separaten Interessen verfolgen. Vielmehr sollte er versuchen, mit den Interessen des Herrn zu verschmelzen. Es spielt keine Rolle, in welcher Position er sich befindet – ob er ein brahmachārī, ein sannyāsī, ein gṛhastha, ein vānaprastha oder in einer anderen Position ist –, er muss bereit sein, sich zu vereinen (viśate tad anantaram).
Er wird keine getrennten Konten führen wollen. Sein einziges Ziel wird es sein, in die Familie Gottes einzutreten. Das ist die Grundlage reiner Hingabe. Tato māṁ tattvato jñātvā viśate tad-anantaram (Bg. 18.55). Wir wollen uns dem Erhabenen hingeben und mit Ihm gemeinsame Interessen teilen und nicht einfach nur Fragen stellen, Antworten erhalten und dann anderweitig Handel treiben. Einmal, als mir viele Fragen gestellt wurden, erwiderte ich: „Das ist kein Auskunftsbüro.“ Die Neugierigen wollen ihre müßige Neugier befriedigen; oder sie wollen Meister vieler Schlüssel sein – damit sie Lösungen für die Probleme aller finden können, um einen gewissen Status zu erlangen. Sie haben viele Motive, aber sie können die wirkliche Notwendigkeit nicht verstehen.
Wir benötigen bestimmte Gegenstände, um verehren zu können, wie Weihrauch, Blumen, Lampen usw. Ebenso gibt es drei spezifische Notwendigkeiten, wenn wir die über-subjektive Ebene verwirklichen wollen: praṇipāta, paripraśna und sevā. Ohne diese drei Zutaten wird unsere Suche unecht, gehaltlos und grotesk sein.
Praṇipāta bedeutet ‚sich flach vor die Füße des Verehrungswürdigen zu werfen: „Ich bin am Ende aller Unternehmungen meines bisherigen Lebens angelangt; ich konnte nichts finden, was meine Lebensziele erfüllt hätte. Nachdem ich ‚meine Aufgaben erfüllt habe‘, bin ich schließlich hierhergekommen. Dies ist das praktische Symptom von praṇipāta. Paripraśna bedeutet ‘wahrhaftige Fragen stellen‘. Ehrlich und wahrhaftig zu fragen ist erlaubt. Der Geist solcher Fragen sollte sein: „Ich möchte wissen, wie ich mich irgendwie nützlich machen kann. Der Reiz, woanders zu leben, ist vorbei. Meine einzige Frage lautet: „Wie kann ich von Nutzen sein?“ Und sevā, Dienst, ist der wichtigste Faktor. „Ich bin gekommen, um zu dienen und mich für die Sache einzusetzen, nach der ich gefragt habe. Ich bin nicht gekommen, um hier etwas mitzunehmen. Ich bin nur gekommen, um zu dienen, ohne jedes andere Motiv.
tad vijñānārthaṁ sa gurum evābhigachchet
samit pāṇiḥ śrotriyaṁ brahma-niṣṭham
Muṇḍaka Upaniṣad, 1.2.12
ābhigachchet bedeutet samyak-gachchet – ‚ohne Rückfahrkarte.‘ ābhii bedeutet samyak vollständig. Der Reiz für mein voriges Leben ist völlig weg; Ich bin gekommen um mich śrotriyaṁ brahma-niṣṭham hinzugeben, derjenige, der mich lehren kann, und der schon auf der Ebene der Göttlichkeit ist und sowohl theoretisches, als auch praktisches Wissen besitzt über das Objekt, bzw., Ziel.
Ohne diesen Vorgang ist alles vergeblich.
tasmād gurum prapadyeta, jijñasuh śreyah uttamam
śābde pare cha nisnātam, brahmany upaśamāśrayam
Tasmāt bedeutet „folglich“ – Da die bisherigen Erfahrungen des Kandidaten für ihn ihren Reiz verloren haben, nähert er sich nun mit dem alleinigen Ziel, hier einen ehrenvollen Platz für sein zukünftiges Leben zu finden. Prapadyeta bedeutet prapannam, „sich hingeben“; er wird sich ausschließlich dieser Sache widmen. Jijñāsuḥ śreyaḥ uttamam: Er ist gekommen um ein höheres Leben zu suchen. „Das niedere Leben ist vorbei; kann ich hier ein erhabenes Leben führen?“ Er gibt sich daher jemandem hin, der sich in beiden Aspekten der Wahrheit auskennt – der Realität (pare) sowie der literarischen Beschreibung dieser Realität (śabde oder śruti-śāstre), die die offenbarte Wahrheit ist, die sich aus dem höheren Bereich jenseits dieser Welt der sinnlichen Erfahrung erstreckt (Bhā: 11.3.21).
Im Śrīmad-Bhāgavatam lehnte Śrī Prahlāda Mahārāja jeden Segen ab, die ihm vom Herrn angeboten wurden. Er sprach: „Wer für seine Dienste an Dich Gegenleistungen erwartet, ist nicht Dein Diener, sondern ein Händler“ (na sa bhṛtyaḥ sa uai vaṇik, Bha: 7.20.4). Diejenigen, die sich guru und Kṛṣṇa mit egoistischen Motiven nähern, wollen nur ihre eigenen Ziele erreichen. Wir müssen sehr aufmerksam solche Eigenschaften in uns selbst vermeiden. Warum bin ich gekommen? Es mag viele Motive geben.
Nachdem ein renommierter und sachkundiger Goswāmin das Śrīmad-Bhāgavatam in einer öffentlichen Versammlung dargelegt hatte, gab Śrīla Gaura Kiśora Dāsa Bābājī Mahārāja, der während des Vortrags anwesend war, seinem Diener die Anweisung, den Ort mittels Wasser und Kuhdung zu reinigen.
Der Diener war wie vom Donner gerührt: „Warum? Es ist doch bereits gereinigt; die Rezitation des Śrīmad-Bhāgavatam, Bhāgavata-kathā, hat hier stattgefunden!“
Śrīla Gaura Kiśora Bābājī sagte: „Du hörtest das Bhāgavatam, aber ich habe nur „Geld, Geld, Geld gehört“.
Der Goswāmin wollte unbedingt, dass Śrīla Gaura Kiśora Dāsa Bābājī anwesend ist, um des den Goswāmins Erläuterungen zum Śrīmad-Bhāgavatam zu hören. Das war für den Goswāmin eine gute Werbung und eröffnete ihm mehr Chancen, mit seinem Geschäft mehr Geld zu verdienen.
Er las das Śrīmad-Bhāgavatam nur zu diesem Zweck, und nicht, um Bhāgavatam oder Kṛṣṇa zufrieden zu stellen. Er hatte egoistische Motive und er kam nicht um des Bhāgavatams willen. Mit dem Bhāgavatam Handel zu treiben ist ein Vergehen, aparādha, gegen das Bhāgavatam, der der reinen Hingabe äußerst abträglich ist. Die eigene Haltung in der Hingabe ist von entscheidender Bedeutung.
Śrīla Śrīdhara Swāmī, der berühmte Kommentator des Śrīmad-Bhāgavatam, hat gesagt: sā chārpitaiva sati yadi kriyeta, na tu kṛtā satī paśchād arpyeta:
„Hingebungsvoller Dienst muss zuerst dem Herrn dargebracht und dann ausgeführt werden; nicht ausgeführt und dann dargebracht.“
Wir sollten schon fest entschlossen sein, wenn wir kommen um zu dienen, und nicht, dass wir erst Kapital ansammeln und später versuchen es in den Dienst des Herrn einzusetzen.
Die Verpflichtung gilt Ihm, Kṛṣṇa. Ich bin gekommen, um Wissen über Ihn zu erlangen, um Seinet Willen, nicht um meinetwillen oder um jemand anderen willen.
Warum gibt es dann eine Predigtabteilung zum Wohle anderer? Diese Abteilung existiert nur aufgrund der Anweisung von oben. Nur wenn ich von dieser höheren Instanz ein Zeichen bekomme: „Geh und predige“, werde ich dies tun, und nur dann wird meine Predigt ein Dienst sein, und niemals, wenn sie nur dem Namen und Ruhm dient, dass ‚ich ein guter Prediger bin, der gute Arbeit leistet, usw.‘
Ich muss von der höheren Instanz beauftragt sein, und nur in ihrem Namen werde ich predigen; dann wird es echtes Predigen sein. Andernfalls wäre es Handel. Na sa bhṛtyaḥ sa uai vaṇik: Prahlāda Mahārāja hat uns vor dieser Handelsmentalität im Namen der spirituellen Wahrheit gewarnt.
Hingabe ist eine separate und eigenständige Ebene, auf der wir nur für das Zentrum leben. Wir streben danach, nur als Vertreter des Zentrums zu leben und zu handeln, niemals vom Zentrum getrennt – das ist Kṛṣṇa-Bewusstsein. Die Realität existiert für sich selbst und wir müssen uns strikt an diese Regel halten. Er ist für Sich Selbst, alles ist für Ihn – und Ich bin für Ihn. Und was immer ich tue, muss auch für Ihn sein. Wir müssen uns strikt an dieses Konzept halten und immer untersuchen, ob unser Tun für Ihn oder für einen anderen Teil ist, wie wichtig wir es auch halten mögen. Und was ist die Garantie? Die Garantie ist Vaiṣṇava und śāstra. Man sollte nicht so vermessen sein zu glauben, dass man alles selbst ersinnen kann; man sollte alles mit der Zustimmung eines Vaiṣṇava tun. (vaiṣṇavera ānugatya). Am Anfang, als ich der Gaudiya Math beitrat, bemerkte mein Gottbruder, Professor Sanyal, eines Tages: „Wenn wir das Bhāgavatam aus eigenem Antrieb lesen, erwerben wir vielleicht etwas Wissen usw., aber kein bhakti, keine Hingabe. Wenn uns jedoch ein Vaiṣṇava auffordert zu lesen, wird unser Lesen von Hingabe geprägt sein.“ Auch das Lesen der Heiligen Schriften ist keine Hingabe, außer es wird auf Anweisung des Vaiṣṇavas getan; unabhängiges Lesen ist nur Wissenssuche. Indem wir dem Vaiṣṇava folgen, ist unsere Verbindung zum Herrn garantiert.
Sādhu-saṅge-kṛṣṇa-nama: In der Gemeinschaft der Gottgeweihten, ist es garantiert, dass das Chanten des Namens oder was immer wir für einen Dienst darbringen, Ihn erreicht. Und was ist die Garantie dafür? Die Antwort lautet: „Sein Agent sagt das, und deshalb bin ich tätig. Ich bin nicht mein Herr – ich bin sein Diener.“ Dieses Bewusstsein muss so weit wie möglich echt sein; der Erfolg hängt von diesem Prinzip ab.
Die Realität steht für sich selbst. Diese Wahrheit muss akzeptiert werden, so schwer sie auch erscheinen mag. „Sterben, um zu leben“ und „Die Realität ist an sich und für sich“ – diese Aussagen von Hegel lassen sich sehr gut in der Schule der Vaiṣṇavas verwenden.
ahaṁ hi sarva-yajñanāṁ, bhoktā cha prabhur eva cha
(Bg. 9.24)
In der Śrī Gītā finden wir: „die Realität ist an sich und für sich.“ „Ich bin der Herr und Genießer aller Opfergaben.“ So hat Śrī Śrīdhara Swāmīpāda bemerkt: „Zuerst gib dich hin, dann diene.“ Andernfalls wirst du versuchen, etwas zu erwerben, es einzustecken und davonzulaufen. Nein. Unterzeichne den Vertrag für alles, was dir gegeben wird, und leiste dann den erforderlichen Dienst, ohne dich auf dich selbst zu verlassen.
Ist solch ein Leben wünschenswert? Wir müssen es zu Ende denken: Da ist ein großes Risiko – ‚Sterben um zu leben.‘ Müssen wir zuerst sterben um in der Zukunft zu leben? Sind wir auf solch ein Risiko vorbereitet? Sind wir von der gegenwärtigen Situation so angewidert, dass wir so viel für eine bessere Zukunft riskieren können? „Ich werde springen!“ Sind wir angewidert genug, um einen solchen Schritt zu wagen?
Wenn ich mir selbst gegenüber aufrichtig bin und einen Blick auf die strahlende Zukunft erhaschen kann, dann kann ich ein solches Risiko eingehen. Andernfalls wäre niemand so töricht, ein solches Risiko auf sich zu nehmen und zu springen, indem er die Gegenwart für eine ungewisse Zukunft aufgibt. Um den Mut zum Sprung zu verspüren, muss man einen Blick auf den kleinsten Strahl einer solchen leuchtenden Existenz erfahren haben.
Sukṛti, hingebungsvoller Verdienst, und śraddhā, starkes Vertrauen sind erforderlich. Wenn auch nur ein bisschen ehrenhaftes Vertrauen im Herzen erwacht ist, dann wagt er vielleicht solch einen mutigen Schritt und er muss springen; sonst ist das unmöglich. Zuerst śraddhā, dann sādhu-saṅga und bhajana-kriyā: Vertrauen, die Gemeinschaft mit Gottgeweihten, und dann folgt die Praxis des hingebungsvollen Dienstes. Mit Vertrauen kann man den Vorgang der Verwirklichung umarmen. Sakala chāḍiaā bhāi, śraddhādevīra guṇa gāi: Gib alles auf und lobpreise mit all deiner Kraft den Adel des Vertrauens, den Lichtstrahl für ein neues ehrenwertes Leben. Sogar große Gelehrte und Säulen der religiösen Welt können die Qualität des Lebens in der Hingabe zu Kṛṣṇa (na vai vidurna ṛṣayo nāpi evāḥ,- Bg: 6.3.19) nicht begreifen, was können dann gewöhnliche Menschen verstehen?
Jene, die draußen bleiben versuchen vielleicht etwas, aber sie sind noch nicht zur Erde vorgedrungen.
Bei der Suche nach Öl oder Mineralien kann man viele äußere Anzeichen sehen, die auf das Vorhandensein dieser Elemente im Erdinneren hinweisen, aber erst wenn man tiefer vordringt, kann man den Fund bestätigen. Trotz vieler äußerer Anzeichen, aber ohne Substanz kann man erst dann, wenn die Suche ein bestimmtes Stadium erreicht hat, wissen: „Ja, wir haben Öl, Eisen oder Gold gefunden.“ So sagte Śrī Caitanyadeva: „Eho haya, āge kaha āra: Das göttliche Leben, das du suchst, ist da; nun gehe weiter.“
Auf diese Weise kann man mit echtem Vertrauen, śraddhā, Fortschritte machen. Vertrauen muss folgendermaßen beschaffen sein: Wenn wir den Magen mit Nahrung versorgen, wird natürlich der ganze Körper genährt; wir werden nicht versuchen, einen bestimmten Teil durch eine lokale Injektion zu nähren. Wenn wir die Wurzel wässern, wird der ganze Baum genährt. In ähnlicher Weise können wir durch Vertrauen erkennen, dass, wenn wir alles für Ihn tun, dem Mittelpunkt der personifizierten Schönheit, dann ist alles wohlgetan. Leiste deinen Beitrag mit aller Kraft, wie gering er auch sein mag, und von diesem Punkt an werden sich deine Bemühungen auf wunderbare Weise entfalten. Und das ist die höchste Harmonie. Das höchste Leben für jeden Teil ist vom Wesen her die Harmonie mit dem Ganzen. Wenn du einen guten Koch hast, warum willst du getrennt von ihm für dich selber kochen? Wenn du ihm einfach assistierst und seinen Anweisungen folgst, dann werden deine Zutaten, die mit seinen Händen gekocht werden, für alle schmackhaft sein. Also mach dich mit dem Prinzip bekannt.
Was auch immer du auch hast, wie klein es auch sein mag, stelle es der höchsten Schönheit, der göttlichen Liebe, zur Verfügung, und es wird verteilt werden; und du wirst ebenfalls mit Freude und Erfüllung von höchster Qualität und Intensität überschüttet werden. Ein solches Leben der Hingabe wurde als Schlüssel zu unserem Leben empfohlen. Prahlāda Mahārāja , ein śuddha bhakta, ein reiner Gottgeweihter, der sich auf der ersten Stufe, śānta-rasa, befindet, hat uns vor der Verunreinigung durch das ‚Händler Gemüt‘ gewarnt, das eine große Gefahr für unseren Weg zur reinen Hingabe darstellt (na sa bhṛtyaḥ sa uai vaṇik). Wir müssen uns selbst genau prüfen und dieses ‚Händler-Gemüt‘ ablegen.
An seiner Wurzel liegt pratiṣṭhā – das Streben nach Selbstbestätigung, nama und Ruhm. Echte Hingabe ist frei von einem solchem Gemüt.
Quelle: „Sermons of the Guardian of Devotion (Band1)“
Deutsche Übersetzung vom Team des Harmonist.de – Bhaktisiddhanta Vani Seva Trust
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