His Holiness

Śrī Śrīmad Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura

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Als mein Parama-gurudeva, Śrīla Prabhupāda Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura, gemeinsam mit seinen Schülern begann die Ideologie des reinen rūpanuga unter der Führung und Unterweisung von Śrī Caitanya Mahaprabhu und Seinen Gefährten, die vor ihm erschienen sind, zu verbreiten, stieß er an jeder Ecke auf Widerstand. Trotz des immensen Widerstandes wich er nie, auch nicht im Geringsten, von seinem rechtschaffenden Ziel ab. Stattdessen besiegte er durch das Medium seiner Schüler und seiner Schriften fast alle häretischen Ideologien, die damals vorherrschten, und etablierte den gauḍīya-vicāra-dhārā, die Strömung des Gauḍīya Vaiṣṇavismus-Gedankens.

 

Seine Demut und Toleranz 

 

Śrīla Prabhupāda war die wahre Verkörperung der Demut, die Śrī Caitanya Mahāprabu in Seinem Śrī Śikṣāṣṭaka (3) beschreibt:

 

tṛṇād api sunīcena

 taror api sahiṣṇunā

 amāninā mānadena

 kīrtanīyaḥ sadā hariḥ

 

Mit der Demut eines Grashalms und der Toleranz eines Baumes sollte ein Mensch allen Respekt erweisen, ohne Respekt für sich selbst zu beanspruchen und ständig die Namen von Hari singen.

 

Śrīla Prabhupādas Bescheidenheit wurde besonders während des Śrī Navadvīpa-dhāma parikramā von 1925 deutlich, bei dem er eine Gruppe von fünftausend Pilgern zusammen mit einhundertacht Mṛdaṅga-Spielern anführte. Ganz vorne wurde die riesige parikramā-Gruppe von der Bildgestalt Śrīman Mahāprabhus angeführt, die majestätisch auf einem Elefanten ritt.

 

Während dieser Zeit hatte eine Gruppe von Menschen, einschließlich bābājīs und jāti gosāis (kastenbewusste brāhmaṇas, geboren in der Gosvāmī-Linie), ihr Ansehen und ihre Zuwendungen verloren, aufgrund Śrīla Prabhupādas furchtloser Verkündigung der wahren Gauḍīya-Doktrin, wie sie von Śrīman Mahāprabhu gelehrt wurde. In vielen Fällen widersprach sie den verdorbenen Philosophien dieser Antagonisten und forderte sie heraus. Diese Personen wurden neidisch auf Śrīla Prabhupādas immer größer werdenden Ruhm und Einfluss, und sie stürzten sich deshalb auf die parikramā-Prozession mit der bösen Absicht, sein Leben zu nehmen. Śrīla Prabhupāda war jedoch nicht beunruhigt; er betrachtete den Angriff lediglich als einen Versuch, ihm körperlichen Schaden zuzufügen.

 

Als Polizeibeamte am Tatort eintrafen und bei Śrīla Prabhupāda nachfragten, ob er einen Verdacht hatte, wer hinter diesem Angriff stehen könnte, antwortete er: „Niemand.” Seine Schüler waren beunruhigt wie er diesen Vorfall abtat und hatten das Gefühl, dass, wenn sie nicht gegen die Angreifer vorgehen würden, es in Zukunft unmöglich wäre, parikramā friedlich durchzuführen. Als Antwort darauf sagte Śrīla Prabhupāda entschieden: „Der Vorfall hat uns keinen Schaden zugefügt. Eigentlich war es für uns ein Vorteil, denn es wurde ohne großen Aufwand eine Aufgabe erfüllt, die sonst nur mit Millionen von Rupien hätte bewältigt werden können.

 

Dieses Vorkommnis wurde überall in den Nachrichten auf den Titelseiten gedruckt, und somit haben unzählige Menschen, die noch nie von der Gauḍīya Maṭha gehört haben, jetzt davon erfahren. Prominente Persönlichkeiten aus fernen Ländern - wie die Könige von Tripura, Vārdhamāna, Koch Bihar und sogar Jaipura - haben sich nach dieser Begebenheit erkundigt.“

 

Obwohl Śrīla Prabhupāda ein ewiger vollkommener Gefährte von Śrī Kṛṣṇa, frei von Fehlern und deren Auswirkungen war, demonstrierte er trotzdem, durch sein eigenes Verhalten, die korrekte Anwendung des folgenden Verses aus dem Śrīmad Bhāgavatam (10.14.8):

 

tat te ‘nukampāṁ su-samīkṣamāṇo

bhuñjāna evātma-kṛtaṁ vipākam

hṛd-vāg-vapurbhir vidadhan namas te

jīveta yo mukti-pade sa dāya-bhāk

 

Wer immer Deine Barmherzigkeit erhofft, indem er die Ergebnisse seiner früheren Missetaten duldsam erträgt und Dir ständig mit Herz, Sprache und Körper Ehrerbietung erweist, ist berechtigt, das Erbe Deiner Lotosfüße zu empfangen.

 

Sein Ansehen

 

Ein anderes Mal, während der Vorbereitungen zum Śrī Navadvīpa-dhāma parikramā, begab sich Śrīla Prabhupāda, gemeinsam mit seinem Assistenten Śrī Paramānanda Brahmacārī, auf die Suche nach einem passenden Platz oder Garten, der möglichst offen sein sollte, wo alle Pilger, die am parikramā teilnahmen bleiben konnten. In jenen Tagen schliefen die Pilger draußen unter freien Himmel und nur die Küche hatte ein Dach. In Campaka-haṭṭa, fanden sie einen großen Mangobaum-Garten mit einem Teich in der Nähe. Śrīla Prabhupāda fand diesen Platz passend und traf alle Vorkehrungen für die Buchung und kehrte zurück. An diesem Abend wurden einige Dinge aus einem Haus, in der Nähe des Mango Gartens gestohlen. Gegen Śrīla Prabhupāda wurde bei der örtlichen Polizeistation ein „First Information Report“ (FIR) (der Report der ersten Information) eingereicht, in dem es hieß, er habe die Gegend morgens nach wertvollen Gütern ausgekundschaftet und sei abends zurückgekehrt, um sie zu stehlen. Śrīla Prabhupāda, jedoch reagierte nicht auf diese Anschuldigung.

 

Als Śrī Pal Choudhury, ein sehr einflussreicher lokaler Landbesitzer, der einen Teegarten besaß und auf einem sehr großen Grundstück wohnte, zu dem auch ein von den Briten genutzter Hubschrauberlandeplatz gehörte, von dem Vorfall erfuhr, marschierte er sofort zur Polizeistation. Er war ein hoch angesehenes Mitglied der Gesellschaft, sogar von der Britischen Regierung anerkannt, und so hörten ihn die Polizeibeamten aufmerksam an. Er sagte ihnen, er wolle selbst eine FIR einreichen, weil sein Teich in der vergangenen Nacht gestohlen worden sei. Verwirrt fragte der anwesende Beamte: „Sir, wie kann man einen Teich stehlen? Das ist unmöglich. Wie kann man einen Report über einen gestohlenen Teich einreichen?“

 

Śrī Pal Choudhury antwortete: „Sie haben recht; es ist unmöglich. Aber, dass Śrī Bhaktisiddhānta Sarasvatī einen Einbruch begeht, ist sogar noch unmöglicher. Sind sie sich auch nur ein wenig seiner Größe bewusst?” Auf Wunsch von Śrī Pal Choudhury wurde die FIR gegen Śrīla Prabhupāda sofort eingestellt. Nachdem die Beschwerde abgelehnt wurde, realisierten die Leute von Champaka-haṭṭa ihren Fehler, indem sie eine solche göttliche Persönlichkeit fälschlicherweise beschuldigten und waren beschämt. In Anbetracht dessen, dass sie ein schweres Vergehen begangen hatten, glaubten sie, dass der einzige Weg zur Buße darin bestand, Śrīla Prabhupāda zu dienen, und sie schenkten daher der Gauḍīya Maṭha den Śrī Gaura Gadādhara-Tempel, dem Dvija Vaṇīnātha, dem jüngeren Bruder von Śrīla Gadādhara Paṇḍita gedient diente.

 

Śrīla Prabhupāda war es gleichgültig, was andere gegen ihn sagten oder taten; er nahm nie etwas persönlich. Stattdessen war er immer sorgfältig damit beschäftigt, die Anweisungen unserer guru-varga zu befolgen und umzusetzen.

 

Seine Verteidigung und sein Schutz der rūpānugas

 

Obwohl Śrīla Prabhupāda persönliche Angriffe gegen sich selbst still ertrug, tolerierte er nicht einen Moment lang Angriffe gegen die Prinzipien der rūpānuga-Ideologie oder gegen diejenigen, die dieser Ideologie aufrichtig folgten. Er würde nicht einmal die kleinsten Äußerungen, die sich gegen die wahre Philosophie von Śrī Rūpa Gosvāmīpāda richteten, unwidersprochen lassen, und bei seinen Gegenargumenten nahm er keine Rücksicht auf den sozialen Status der Person, mit der er debattierte.

 

Wenn es nötig war, würde er sogar die Gegner verklagen, um die Authentizität und Relevanz des Gedankens der Gauḍīya-Linie zu etablieren. Aus diesem Grund trifft sein praṇāma-mantra die Aussage: „Rūpānuga-viruddhāpasiddhānta-dhvānta-hāriṇe — Du erlöst die gefallenen Seelen und vernichtest die Dunkelheit, die von falschen Vorstellungen entsteht (apasiddhānta) und die sich (viruddha) den von Śrīla Rūpa Gosvāmī ausgesprochenen Geboten widersetzen.” Um es einfach zu sagen, Śrīla Prabhupāda war dem was andere in Opposition zu ihm sagten oder taten, gleichmütig; er nahm nie etwas persönlich. Anstatt dessen folgte er mit Bedacht den Anweisungen unserer guru-varga und etablierte sie.

 

Unermüdlich führte er viele Dienste aus, wie die Veröffentlichung von Bhakti-Literatur, die Errichtung neuer Tempel, die Ausführung von arcana, die Organisation von Ausstellungen über spirituelles Wissen und er sandte seine Schüler quer über den Globus, um die Botschaft Śrī Caitanya Mahāprabhus zu predigen. Wir sind mit großer Ehrfurcht vor Śrīla Prabhupāda erfüllt, wenn wir nur von den unablässigen Bemühungen hören, um den bedingten Seelen dieser Welt spirituelles Wohlergehen zu bringen.

 

Die Seltenheit kṛṣṇa-bhakti anzunehmen

 

Einmal kam ein Junge in die maṭha mit dem Wunsch zu bleiben. Er erklärte: „Ich werde nicht nach Hause zurückgehen. Ich werde das nur tun, wenn Śrīla Prabhupāda mir befiehlt zurückzukehren.” Als Śrīla Prabhupāda von einem seiner sevakas davon erfuhr, sagte er: „Glaubst du, dass ich ein Herz aus Stein habe und jemanden nach Hause schicke, der den Wunsch hat in der maṭha zu leben und zu dienen? Unzählige Lebewesen haben sich in dieser Welt versammelt, nachdem sie viele Universen (brahmāṇḍas), durchwandert haben. Dieser Wunsch in der maṭha zu leben ist extrem selten, sogar für einige wenige dieser Lebewesen. Nur sehr seltene, sehr von Glück begünstigte Seelen, nähren solch einen Wunsch. Wie kann ich so einer Seele diesen Wunsch abschlagen und ihn von der maṭha wegschicken damit er zurückkehrt, um Māyā zu dienen?

 

Bhāva ist der wahre Wert von kīrtana

 

Ein paar Tage bevor Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda seine Spiele, bevor er die Welt verlassen würde, manifestierte, brachte er den Wunsch zum Ausdruck, einige bestimmte kīrtanas zu hören.   Um seine Bitte zu erfüllen, brachte sein sevaka einen Gottgeweihten, der dafür bekannt war, dass er mit melodiöser Stimme, perfekten Ton und Rhythmus singen konnte und von dem er wusste, dass sie die Ohren von Śrīla Prabhupāda erfreuen würde. Aber als er diesen kīrtanīya sah, sagte Śrīla Prabhupāda: „Ich wünsche nicht einem schön geschliffenen, melodiösen kīrtana zuzuhören, sondern jemanden, der aus tiefstem Herzen singt, jemand der die bhāvas und die höchst transzendentalen Bedeutungen der kīrtanas verwirklicht hat, die er singt.”

 

Er bat dann Śrī Śrīmad Bhakti Rakṣaka Śrīdhara Gosvāmī Mahārāja und Śrī Navīna-kṛṣṇa Vidyālaṅkāra die Śrī Rūpa-mañjarī-pada und Tuhũ Dayā-sāgara zu singen. Durch dieses Beispiel, zeigte Śrīla Prabhupāda, dass man nur dann kīrtana abhalten sollte, wenn man gründlich die tiefe Bedeutung und darunter liegende Gemütsstimmung unserer ācāryaskīrtanas verwirklicht hat, als sich nur über Melodie und Rhythmus den Kopf zu zerbrechen. Man sollte jedoch nicht denken, dass der Gottgeweihte, dessen kīrtana Śrīla Prabhupāda zu hören ablehnte, eine gewöhnliche Person war, die nur an melodiösem kīrtana interessiert war. In der Tat, er war einer der besten kīrtanīyas. Früher in Purī, hörte Śrīla Prabhupāda oft seine kīrtanas mit großer Bereitwilligkeit. Śrīla Prabhupāda hielt ihn damals aus keinem anderen Grund vom Singen ab, als diesen bestimmten Punkt und Sichtweise zu etablieren und zu lehren. Als ein nitya-siddha parikāra (ewiger vollkommener Gefährte) von Bhagavān, Śrīla Prabhupāda weiß alles. Weil er die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennt, bezieht man sich auf ihn als trikāla-jña, allwissend. Er weiß, dass die geistlosen, bedingten Lebewesen dieser Welt, den Ernst der Gemütsstimmung und tiefen Bedeutung des kīrtana keine Bedeutung schenken, und anstatt dessen, um Ruhm und Anerkennung willen, auf die Melodie, Stimmung und den Rhythmus meditieren. Sie glauben, dass das die Essenz von kīrtana sei. Daher übertrug Śrīla Prabhupāda mittels einer seiner lieben Gefährten, die höchst signifikante Tragweite dieser Lehre, um törichten Menschen, wie wir es sind, zu helfen.

 

Nur die vertrautesten und vollkommenen hingegebenen Gefährten von großen selbstverwirklichten Seelen besitzen das wahre Wissen der Lehren, die sie vermitteln und durch wen und zu welchem passenden Moment, sie sie vermitteln lassen. Wie könnte man sonst, nachdem man die oben erwähnte Geschichte gehört hat, in Einklang bringen, warum Śrīla Prabhupāda selbst zuvor Śrī Mohinī Bābū, den Onkel von Śrī Śrīmad Bhakti Kumuda Santa Gosvāmī Mahārāja, mit dem Titel 'Rāga-bhūṣaṇa' geschmückt hat?—  was bedeutet, jemand der durch die Melodie geschmückt ist', - nachdem er äußerst zufrieden war, seine hochmelodischen kīrtanas in perfekter Tonhöhe und mit makellosem Rhythmus gesungen zu hören; warum er die Verwendung solcher Vaiṣṇava-Musikinstrumente wie karatālas, kāṅsā und mṛdaṅgas während der täglichen kīrtanas im maṭha erlaubte; warum er anordnete, dass einhundertacht mṛdaṅga-Spieler auftreten sollten, als er Śrī Navadvīpa-dhāma parikramā wiedereinführte; oder warum Śrīla Muni Gosvāmī Mahārāja, ein Schüler von Śrīla Prabhupāda, karatālas aus den Händen von Gottgeweihten reißen würde, die auch nur den kleinsten Fehler während des kīrtana machten?

 

Viele unserer vorangegangener ācāryas, haben auch die Bedeutung der Melodie und Rhythmus im kīrtana etabliert, und wie sie mit den Spielen von Śrī Śrī Rādhā Kṛṣṇa korrelieren. Zum Beispiel, hat Śrīla Narottama dāsa Ṭhākura im Prārthana (25) geschrieben:

 

 suyantre miśāiyā gābô su-madhura tāna

ānande kôribô dũhāra rūpa-guṇa-gāna

 

Begleitet von Musikinstrumenten, werde ich süße Melodien singen. In großer Glückseligkeit werde ich Lieder singen, die die Form und Eigenschaften des Göttlichen Paares verherrlichen.

 

Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura hat geschrieben:

 

śrī viśākhā-pade, saṅgīta śikhibô,

 kṛṣṇa-līlā rasamaya

Śrī Śrī Gīta-mālā (5.4.3)

 

Bei den Lotosfüßen von Śrī Viśākhā, werde ich die Musik erlernen, die reich am Nektar von Kṛṣṇas Spielen ist.

 tāthai tāthai’ bājalô khol,

ghana ghana tāhe jhājhera rola

 Gītāvalī (1.1.2)

 

„Tāthai, tāthai", ertönten die mṛdaṅgas, und die karatālas spielte im Takt.*.

 

 nārada muni, bājāya vīṇā,

 rādhikā-ramaṇa-nāme

 Gitavali (11.8.1)

Nārada Munis Finger spielen die Noten auf seiner vīṇā, die ‘Rādhikā-ramaṇa' singt.

 

Im wahren kīrtana versteht man die zugrunde liegenden Gemütsstimmungen und die tiefe Bedeutung dieses kīrtana richtig.

 

Ein anderer Vaiṣṇava ācārya hat geschrieben:

 

lalitā bājāiya vīṇā, viśākhā mṛdaṅga,

phula caḓāya nāce sakhī vidyā tuṅga

 

Śrī Lalitā Sakhī spielt die vīna, Śrī Viśākhā Sakhī spielt die Trommel, und Śrī Tuṅgavidyā Sakhī tanzt und verstreut überall Blumen.

 

Sogar Śrī Kṛṣṇa Persönlich hat —durch das Spielen Seiner Flöte, Seines Horns und anderer Instrumente - den Gebrauch von Musikinstrumenten durch Sein eigenes Verhalten gebilligt. In der Tat sind alle vierundsechzig Künste vom Herrn einfach zu Seinem Vergnügen manifestiert worden.

 

Daher, wenn wir hören, dass Śrīla Prabhupāda sich einmal geweigert hat, einen melodiösen kīrtana zu hören, sollten wir nicht zu dem Schluss kommen, dass der Gebrauch von Vaiṣṇava-Musikinstrumenten im kīrtana unangemessen ist oder dass Gottgeweihte, die mit einer süßen, melodiösen Stimme singen, vom kīrtana abgehalten werden sollten. Die eigentliche Botschaft ist, dass im echten kīrtana die zugrundeliegenden Gemütsstimmungen und die tiefe Bedeutung dieses kīrtana richtig erkannt wird. Wie auch immer, die ästhetischen Merkmale eines kīrtana—wie die Melodie, Rhythmus und stimmlicher Ausdruck — sollte nicht völlig abgelehnt werden, sondern es eher als förderlich für bhakti angesehen werden. In seinem Śrī Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.200), zitiert Śrīla Rūpa Gosvāmī:

 

laukikī vaidikī vāpi yā

kriyā kriyate mune

hari-sevānukūlaiva sā

kāryā bhaktim icchatā

 

Oh, Muni! Ob ein Gottgeweihter den Wunsch hat gemäß den Gebräuchen der Gesellschaft oder der vedischen Verfügungen zu handeln, alles, was er macht, ist förderlich für den Dienst zu Śrī Hari.

 

Bhāva-grahi Śrīla Prabhupāda

 

Wenn Śrī Śrīmad Bhakti Vaibhava Sāgara Gosvāmī Mahārāja, ein sannyāsī-Schüler von Śrīla Prabhupāda, während seiner Predigten hari-kathā sprach, konnten ihn nur wenige verstehen, denn sein Sprachausdruck war weitgehend unverständlich. Obwohl alle Zuhörer während seiner Vorträge nach und nach den Saal verließen, sprach er weiter. Als die Halle leer war, baten ihn einige brahmacārīs, die Mahārāja begleiteten: „Mahārāja, du kannst deine Rede jetzt beenden; es ist niemand mehr da. Wir werden jetzt Matten einpacken und alle Teppiche in der kīrtana-Halle aufrollen."

 

Aber Mahārāja pflegte zu antworten: „Ihr versteht nichts. Ihr seid euch nur der Lebewesen bewusst, die in ihren grobstofflichen Körpern anwesend sind und die jetzt gegangen sind. Es gibt aber viele Lebewesen, die in ihren feinstofflichen Körpern da sind, sowie Lebewesen, die in der Nähe sind - Bäume, Kriechtiere und Insekten - und sie alle hören zu. Außerdem spreche ich für mein eigenes spirituelles Wohlergehen. Wenn irgendjemand dableibt, dann wird er auch davon profitieren. Werde ich nicht spirituell profitieren, wenn ich hari-kathā spreche, auch wenn niemand da ist? Hat Śrīla Prabhupāda uns nicht angewiesen, nityaṁ bhāgavata-sevā auszuführen - das heißt, sich ständig im Dienst des Śrīmad-Bhāgavatam durch śravaṇa und kīrtana zu betätigen, oder hat er uns angewiesen, bhāgavata-sevā nur als Demonstration durchzuführen, wenn eine bestimmte Anzahl von Zuhörern anwesend ist?"

 

Ein paar Gottgeweihte machten schließlich Śrīla Prabhupāda auf diese Begebenheiten mit Śrīla Sāgara Gosvāmī Mahārāja aufmerksam. Śrīla Sāgara Gosvāmī Mahārāja war auch nicht so gut darin nennenswerte Spenden zu sammeln. Einmal, als Śrīla Mahārāja nach Kolkata zurückkam, hatte er nicht einmal ausreichend Geld dabei, um seine Fahrkarte für den Zug zu bezahlen, also bestieg er, den Zug ohne Fahrkarte, gemeinsam mit zwei brahmacārīs, die ihn begleiteten. Bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhof von Kalkutta wurden die drei festgenommen, weil sie ohne Fahrkarten gereist waren. Schnell erreichte diese Neuigkeit Śrīla Prabhupāda in der maṭha Kolkata. Später, als Śrīla Sāgara Mahārāja in die Kolkata maṭha ankam, schickte Śrīla Prabhupāda seine Schüler, um Śrīla Mahārāja mit saṅkīrtana willkommen zu heißen und sagte: „Śrī Sāgara Mahārāja ist wahrlich ein jīvan-mukta mahāpuruṣa— eine große, vollständig befreite Persönlichkeit.”

 

Śrīla Prabhupāda, der reine Diener von bhāva-grahī Janardana —Das heißt, Śrī Kṛṣṇa, der die Gemütsstimmung und die Absicht des Dienstes eher akzeptiert als die äußeren Paraphernalien, die man benutzt, würde die Stimmung und die wohlwollende Gesinnung derer, die im Dienst von Śrī Hari, guru und Vaiṣṇavas stehen, des reinen, aufrichtigen Herzes und ohne Falschheit sind, anerkennen und schätzen. Er hielt sich völlig fern von der Betrachtung solcher äußeren Qualifikationen wie der Beredsamkeit beim hari-kathā oder der Fähigkeit, große Spenden für die maṭha zu sammeln.

 

Durch dieses Spiel, etablierte Śrīla Prabhupāda den Grundsatz der völligen Unparteilichkeit der Neidlosigkeit und Falschheit. Sein Verhalten sollte von allen aufrichtigen Gottgeweihten befolgt werden.

 

Die Substanz akzeptieren

 

Mein śikṣā-guru, Śrīpāda Kṛṣṇa-keśava Prabhu, der bei Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda Zuflucht genommen hatte, wohnte in der maṭha. Sein Vater, Śrī Sarveśvara dāsa Adhikārī, der zu dieser Zeit noch nicht eingeweiht war, kam während Śrī Gaura-pūrṇimā nach Śrīdhāma Māyāpura mit der Absicht, seinen Sohn zurück nach Assam zu bringen. Nachdem er jedoch Śrīla Prabhupāda kennengelernt und sein Verhalten beobachtet, seinen hari-kathā gehört und seinen leuchtenden Einfluss wahrgenommen hatte, sowie auch den seiner hingegebenen Geweihten, ließ er nicht nur jeden Gedanken daran fallen, seinen Sohn nach Hause zurückzuholen, sondern er entwickelte den Wunsch von Śrīla Prabhupāda in harināma eingeweiht zu werden. Als er die angehenden Gottgeweihten mit rasierten Köpfen sah, die draußen vor dem bhajana-kuṭīra von Śrīla Prabhupāda warteten, um harināma zu empfangen, rasierte er sich auch den Kopf und gesellte sich zu ihnen.  Zu diesem Zeitpunkt kam einer von den Schülern von Śrīla Prabhupāda zu ihm und sagte: „Du wirst heute nicht harināma empfangen, weil du die Angewohnheit hast Zigaretten und bīḍīs (Tabak in Tabakblätter gerollt) zu rauchen.”

 

Er antwortete: „Wenn diese Angewohnheit mich davon abhält ein Schüler Śrīla Prabhupādas zu sein, dann werde ich von jetzt an nie mehr Zigaretten und bīḍīs anrühren.”

 

Śrīla Prabhupāda, der dieses Gespräch gehört hatte, sagte aus seinem bhajana-kuṭīra heraus zu seinem Schüler: „Bitte rufe diesen Herrn sofort herein. Ich werde ihm heute die Einweihung zum harināma zuteilwerden lassen.”

 

Weil Śrīla Prabhupāda eine verwirklichte Seele war, konnte er die implizierte Bedeutung der Aussage eines einfachen Herzens verstehen; er wusste, ob eine Person entschlossen war oder sentimental unter den Einfluss eines Ereignisses reagierte.

 

Von da an erinnerte sich Śrī Sarveśvara dāsa Adhikārī: „Um harināma von einem mahāpuruṣa zu empfangen, habe ich ein Gelübde abgelegt, nie mehr Zigaretten oder bīḍī zu rauchen.” Er führte dann ein Leben, das auf den Prinzipien der Vaiṣṇavas beruhte und er rührte nie mehr Zigaretten oder bīḍī an.

 

Wahrhaftigkeit erkennen

 

Einmal trat eine Person mit dem Wunsch harināma zu empfangen an Śrīla Prabhupāda heran und sagte mit einfachem Herzen: „Mahārāja, ich habe ein abscheuliches Leben geführt und verschiedene Arten von Fleisch gegessen, darunter sogar Schweinefleisch. Ich lege nun ein Gelübde ab, um all diesen verabscheuungswürdigen Aktivitäten zu entsagen. Würdest du mich bitte als Diener deiner Lotosfüße annehmen?”

 

Obwohl es viele Menschen gab, die, obwohl sie einige Jahre in der maṭha wohnten, niemals   harināma oder dīkṣā erlangten, erkannte Śrīla Prabhupāda, die Einfachheit dieses Mannes und ließ ihm harināma zuteilwerden.

 

Die maṭha ist ein Ort, um mahat-sevā zu praktizieren

 

Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura riet davon ab, maṭhas, Tempel und Klöster zu errichten, weil es letztendlich dazu führen wird, dass ihre Bewohner in Gerichtsverfahren und Streitigkeiten über äußere Belange verwickelt werden. Jedoch betrachtete Śrīla Prabhupāda die positiven Aspekte solcher Institutionen, und errichtete viele maṭhas. Seine Absicht war es, denjenigen die den Wunsch hatten bhajana zu praktizieren, aber aufgrund ihrer unkontrollierten Sinne nicht in der Lage dazu waren, Gemeinschaft und Barmherzigkeit großer, verwirklichter Seelen zu ermöglichen. Śrīla Prabhupāda pflegte zu sagen: „Bhagavān macht sich durch den guru, sādhu und śāstra bekannt, es ist unmöglich die tiefere Bedeutung der śāstras zu erfahren, ohne die Barmherzigkeit von verwirklichten Seelen erlangt zu haben. Śrī Jaḍa Bharata, Śrī Prahlāda und Śrī Rṣabhadeva haben die Bedeutung der mahat-saṅga durch die Aussage hervorgehoben:‘vinā mahatpāda-rajo-‘bhiṣekam —Solange ein Mensch nicht den Staub der Lotosfüße von erhabenen, verwirklichten Gottgeweihten auf seinen Körper streicht, kann er die Absolute Wahrheit nicht verwirklichen; 'mahīyasām pāda-rajo-'bhiṣekaṁ niṣkiñcanānām na vṛṇīta yāvat - es ist unmöglich für diejenigen, die sich nicht mit dem Fußstaub großer Gottgeweihter bestreichen, die völlig losgelöst von weltlichen Sinnesobjekten sind, die Herrlichkeiten von Śrī Kṛṣṇa zu erahnen;' und 'mahatsevāṁ dvāram āhur vimuktes - nur durch Dienst an mahātmās kann man den Pfad der Befreiung von materieller Knechtschaft erlangen.' ”

 

Obwohl ein Ort so aussieht, als wäre er eine maṭha, und obwohl die maṭha als solche bezeichnet wird, kann sie doch nicht im wahrsten Sinne des Wortes 'maṭha' genannt werden, wenn in ihren Wänden weder hari-kathā zu hören ist noch gesprochen wird. Alle Aktivitäten, die dann an solch einem Ort ausgeführt werden, sind einfach karma. Die Früchte von karma führen nur innerhalb der vierzehn Planetensysteme und nicht weiter. Jedoch, das Ergebnis, wenn man sich in mahat-sevā betätigt, kann man sich sogar dahin qualifizieren Śrī Śrī Rādhā-Kṛṣṇa in Goloka Vṛndāvana, dem höchsten Reich von Vaikuṇṭa zu dienen.

 

Śrīla Prabhupāda hat gesagt: „Wenn eine Person in der maṭha wohnt, aber weder hari-kathā hört noch spricht, führt einfach karma aus.“ Mit anderen Worten, wenn jemand stolz behauptet ein Bewohner einer maṭha zu sein, aber nicht aktiv darin beteiligt ist hari-kathā zu hören oder zu sprechen, dann ist sein maṭha-vāsa rein oberflächlich; er wohnt nicht wirklich in der maṭha.

 

Śrī Navadvīpa-pañjikā und die Bedeutung sich an Vaiṣṇavas zu erinnern

 

Sogar im fortgeschrittenen Alter pflegte vaiṣṇavasārvabhauma Śrīla Jagannātha dāsa Bābājī Mahārāja, aufgrund seiner grundlosen Barmherzigkeit, den bhajana-kuṭīra von Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura zu besuchen. Er saß in einem Korb und wurde auf dem Kopf seines Schülers Śrīla Bihārī dāsa Bābājī transportiert. Einmal, als Śrīla Bābājī Mahārāja erfuhr, dass Śrīla Prabhupāda im Feld der Astrologie sehr kenntnisreich war, wies er ihn an, die Veröffentlichung des Śrī Navadvīpa-pañjikā in Auftrag zu geben. Es sollte ein Kalender sein, der sowohl die Erscheinungstage der Inkarnationen Viṣṇus und die Manifestationen Seiner śakti, als auch die Erscheinungs- und die Tage des Verscheidens tage der großen Vaiṣṇavas enthalten, gemäß der Gauḍīya-Denkweise. Śrīla Bābājī Mahārāja sagte: „Es nicht möglich spirituelles Wohlergehen zu erlangen, ohne die Lotosfüße der Vaiṣṇavas zu erinnern. Überdies ist ein Vergehen sich nicht an sie zu erinnern und zu verherrlichen, insbesondere an den Tagen ihres Erscheinens und Verscheidens.” Śrīla Jagannātha dāsa Bābājī Mahārāja versorgte Śrīla Prabhupāda dann mit seiner eigenen persönlichen Zusammenstellung von wichtigen Daten und ihren jeweiligen Beschreibungen.

 

Er erinnerte sich an die Worte von Śrīla Narottama dāsa Ṭhākura: „guru-mukha-padma vākya, cittete kôriyā aikya“ Mach die Worte, die aus dem Lotosmund von śrī guru ausgestrahlt werden, eins mit deinem Herzen.“ Śrīla Prabhupāda akzeptierte die Anweisungen von Śrīla Jagannātha dāsa Bābājī Mahārāja und sah sie als äußerst wichtig an. Er veröffentlichte daher Śrī Navadvīpa-pañjikā, in dem er alle notwendigen Daten (tithis) aufnahm.

 

Allein durch den großen Segen Śrīla Bābājī Mahārājas, der sich durch Śrīla Prabhupāda manifestiert hat, dass wir uns dieser wichtigen tithis bewusst geworden sind und uns die Möglichkeit gegeben wurde, sie im Laufe des Jahres von ganzem Herzen festlich zu begehen.

 

Śrī Vṛndāvana dāsa Ṭhākura hat geschrieben:

 

ĵe vaiṣṇava bhajile acintya kṛṣṇa pāi

se vaiṣṇava-pūjā hôite baḓa āra nāi

Śrī Caitanya-bhāgavata (Antya-khaṇḍa 4.357)

 

Es gibt nichts Größeres, als die Verehrung von Vaiṣṇavas, weil man durch ihre Verehrung den unfassbaren Śrī Kṛṣṇa erlangen kann.

 

Man entwickelt Zuneigung zu den Vaiṣṇavas, indem man sie verherrlicht, mit ihnen Gemeinschaft pflegt und ihnen dient. Als Ergebnis solcher Aktivitäten, wird unser Geist geläutert, der anderenfalls in der endlosen Ausdehnung von Māyā vollständig vertieft bleibt. Der Geist wird jenseits des materiellen Einflusses von Māyā gereinigt, wir erlangen spirituelle Verwirklichung, und so werden wir völlig in der transzendentalen Glückseligkeit verankert.

 

Liebender Dienst ist großer Dienst

 

Einmal versammelten sich viele Schüler von Śrīla Prabhupāda und richteten durch dessen   persönlichen Assistenten, Śrī Paramānanda Prabhu, eine Anfrage an ihn: „Unter den vielen Gottgeweihten in der maṭha, die, nachdem sie den Schutz Deiner Lotusfüße angenommen haben, sich aufrichtig und unaufhörlich, Tag und Nacht verschiedene Dienste leisten, für Dein göttliches Vergnügen, welchen Dienst betrachtest Du als den höchsten?" Śrīla Prabhupāda antwortete auf solch fundierte Frage mit einfachen Worten: „Die Größe des Dienstes einer Person für die Vaiṣṇavas ist direkt proportional zum Ausmaß der Liebe und Zuneigung, die er in seinem Herzen für diese Vaiṣṇavas entwickelt hat; je größer die Zuneigung, desto größer der Dienst.”

Śrīla Prabhupāda bereiste in seinem Leben fast alle Heiligen Orte in Indien. In Wahrheit war es gar nicht nötig, dass er das tat, weil er ein nitya-siddha parikara (ewiger vollkommener Gefährte) des Herrn ist. Trotzdem, um durch sein eigenes Beispiel die Bedeutung der Aussage des Śrīmad-Bhāgavatam (9.4.18) zu unterstreichen, begab er sich auf ausgedehnte Reisen: „pādau hareḥ kṣetra-padānusarpaṇe — man sollte seine Füße darin beschäftigen, die Orte von Śrī Haris Spielen, zu umkreisen.“ Jedoch traf er auch die Aussage: „Obwohl ich mit dem Wunsch die Gemeinschaft von Vaiṣṇavas zu erlangen, viele heilige Orte bereiste, konnte ich in all meinen Reisen keinen einzigen reinen Vaiṣṇava finden.” Da Śrīla Prabhupāda die Vergeblichkeit des mühsamen Besuchs heiliger Orte mit dem Ziel, sādhu-saṅga zu erlangen, erkannte, führte er die jährliche Durchführung von parikramā in den drei dhāmas-Śrī Vraja-maṇḍala wieder ein, Śrī Kṣetramaṇḍala und Śrī Gaura-maṇḍala, um jedem die Möglichkeit zu geben, hari-kathā in mahat-saṅga, der Gemeinschaft von hoch erhabenen Vaiṣṇavas, zu hören und zu sprechen.

 

Seine Perspektive auf jīva-hiṁsā

 

Gewöhnlich wird der Begriff jīva-hiṁsā von den Menschen so verstanden, dass er 'eine physische oder emotionale Gewalttat gegen Lebewesen, einschließlich sich selbst' bedeutet. Wenn eine Person Selbstmord begeht, sagt man, dass sie ātma-hatyā (Mord am Selbst) begangen hat. Aber Śrīla Prabhupāda hat erklärt, dass dies eigentlich nicht ātma-hatyā, sondern eher śarīra-hatyā (Mord am Körper) ist. Daher ist physische oder emotionale Gewalt gegen den grob- und feinstofflichen Körper des jīva kein jīva-hiṁsā, denn der jīva ist eine spirituelle Seele, die sich von diesen beiden Körpern unterscheidet. Obwohl die Verletzung des grob- und feinstofflichen Körpers von den Menschen im Allgemeinen als jīva-hiṁsā bezeichnet wird, ist es in der Tat nicht die wahre Bedeutung von jīva-hiṁsā. Die Seele ist unzerstörbar und kann nicht verletzt werden. Bhagavān Śrī Kṛṣṇa hat in der Bhagavad-gītā (2.23) erwähnt:

 

 nainaṁ chindanti śastrāṇi

nainaṁ dahati pāvakaḥ

na cainaṁ kledayanty āpo

 na śoṣayati mārutaḥ

 

acchedyo ’yam adāhyo ’yam

akledyo ’śoṣya eva ca

 nityaḥ sarva-gataḥ sthāṇur

 acalo ’yaṁ sanātanaḥ

 

Die Seele kann weder von einer Waffe durchbohrt, von Feuer verbrannt, noch von Wasser durchnässt oder vom Wind getrocknet werden. Die Seele ist unteilbar, unauflöslich und kann weder verbrannt noch getrocknet werden. Sie ist ewig, all-durchdringend, dauerhaft unbeweglich und existiert ewiglich.

 

Jīva-hiṁsā bedeutet, dass man entweder zögert oder geizig ist, wenn man śuddha-bhakti predigt.

 

Die Frage stellt sich dann: Was ist die wahre Bedeutung von jīva-hiṁsā?

 

Śrīla Prabhupāda hat erklärt, dass der jīva die Eigenschaft besitzt, den höchsten Wohnort zu erlangen, vorausgesetzt, er hat die erforderliche Ausbildung absolviert und die wahre Natur dieses Aufenthaltsortes richtig verstanden. Eigentlich gibt es jīva-hiṁsā von zweierlei Art: (1) wissentlich oder unwissentlich versuchen, den jīva vom Pfad, der zur höchsten Wohnstätte führt (dem Pfad des reinen bhakti), fehlzuleiten, indem er angewiesen wird, einen anderen Pfad einzuschlagen, der zu einem vorübergehenden Ziel führt, wie die Pfade des karma, jñāna, yoga und so weiter, und (2) dem jīva nicht zu helfen, auf dem Weg zur höchsten Wohnstätte voranzukommen. Wirkliches ahiṁsā (Gewaltlosigkeit) besteht daher darin, den Weg des reinen bhakti zu predigen und zu befolgen, und nicht die Wege des karma, jñāna, yoga und so weiter.

 

Wenn ein Mensch die Wahrheit in dieser Sache nicht verstanden hat, dann ist seine Anstrengung jīva-hiṁsā zu vermeiden mehr oder weniger umsonst. Śrīla Prabhupāda hat sehr klar in seinem Kommentar über das guṇḍicāmandira-mārjana-līlā-rahasya zum Ausdruck gebracht, dass jīva-hiṁsā bedeutet, dass man entweder kuṇṭhā (zögern) oder kṛpaṇatā (Geiz) im Predigen über śuddha-bhakti hat, dass man den māyāvādīs, karmīs oder anyābhilāṣīs eine Möglichkeit (praśraya) gibt, über ihre Philosophien zu sprechen oder man spricht nur, um die Zustimmung des Zuhörers willen.

 

Andere entsprechend ihrer jeweiligen Qualifikation in den Dienst zu beschäftigen

 

Es ist äußerst schwierig, die Aktivitäten und Absichten der mahā-bhāgavata Vaiṣṇavas zu verstehen. Obwohl ihr Verhalten äußerlich manchmal widersprüchlich erscheinen mag, sind solche Widersprüche in ihrer auf einen Punkt ausgerichteten Entschlossenheit, Śrī Hari, guru und Vaiṣnavas zu dienen, perfekt harmonisiert. Als Diener des allwissenden Höchsten Herrn war Śrīla Prabhupāda in der Lage, selbst die subtilsten Absichten in allen Menschen zu erkennen, und er wußte daher, wie er mit jedem einzelnen in einer Weise umgehen musste, die ihr spirituelles Wohlergehen bewirkte. Im Folgenden wird ein Beispiel dafür gegeben, wie er zwei ähnliche Situationen auf sehr unterschiedliche Weise behandelte.

 

Bevor Śrīpāda Yadumaṇi Bābū, ein Bewohner der Stadt Khurdā in Orissa, Zuflucht zu den Lotosfüßen von Śrīla Prabhupāda nahm, arbeitete er für die Stadtverwaltung von Purī. Später nahm er seinen Wohnsitz in der von Śrīla Prabhupāda gegründeten Śrī Puruṣottama Gauḍīya Maṭha, in der Nähe von Caṭaka-parvata in Purī. Während seiner Zeit dort baute er einen sehr schönen Garten mit Gemüse, Obst und Blumen an. Er stellte sogar den Dünger mit seinen eigenen Händen her. Śrīla Prabhupāda wohnte zu dieser Zeit im Kaṭaka Maṭha, und als er hörte, wie viele Gottgeweihte den Garten lobten, schickte er einen Brief an den Verwalter des Śrī Puruṣottama Gauḍīya Maṭha, in dem er ihn anwies, Śrī Yadumaṇi Bābū nach Kaṭaka zu schicken.

 

Als der Manager der maṭha den Brief las, war er sehr aufgebracht und antwortete Śrīla Prabhupāda: „Wenn Śrī Yadumaṇi Bābū diesen Ort verlässt, dann wird unser Dienst den Garten zu erhalten nachlassen und dann wird er eingehen. Niemand in der maṭha kann sich um den Garten kümmern so wie er.” Śrīla Prabhupāda antwortete: „Ich kann einen vertrockneten Garten ertragen, aber ich kann es nicht dulden, dass das spirituelle Leben von Yadumaṇi Bābū’ verdorrt. Eine bedingte Seele besitzt niemals solch eine natürliche Neigung zum Dienen; etwas stimmt da definitiv nicht. Bitte schicke ihn sofort nach Kaṭaka. Wegen seiner Verbundenheit zu diesem Garten, wird seine Anhaftung an Bhagavān allmählich nachlassen, bis nur noch seine Liebe zum Garten übriggeblieben ist. Es ist unsere Pflicht an Bhagavān angehaftet zu sein.

 

 anāsaktasya viṣayān

 yathārham upayuñjataḥ

nirbandhaḥ kṛṣṇa-sambandhe

 yuktaṁ vairāgyam ucyate

Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.125)

 

Eine Person, die keine Anhaftung an Sinnengenuss hat, und alles, was immer es auch sei, in den Dienst Śrī Kṛṣṇas stellt, ist an solchen Aktivitäten nicht gebunden. Es wird gesagt, dass solche Loslösung yukta-vairāgya ist. Das bedeutet, in dieser Entsagung wird immer eine Verbindung mit Śrī Kṛṣṇa aufrechterhalten. *

 

„Wenn man an Sinnesobjekten gebunden bleibt und nicht die Prinzipien anwendet, die von unseren ācāryas errichtet wurden, dann ist das nicht nur nicht-förderlich für bhakti, sondern man stellt sich vollkommen gegen bhakti. Die wahre Identität der Śrī Caitanya Maṭha ist ihre Ideale. Yadumaṇi Bābūs Bewusstsein tendiert weniger in die Richtung sich an Bhagavān zu erinnern als in die Richtung seines Gartens. Überdies hatte er noch nicht die Stufe des festen Vertrauens erreicht, wo er verstanden hat, dass der Dienst im Garten gleichbedeutend ist mit dem Dienst an Bhagavān. Wenn man dieses unerschütterliche Vertrauen noch nicht entwickelt hat, dann ist es essenziell, dass man unter der Führung eines Senior-Vaiṣṇavas dient. In Wahrheit nährt, Yadumaṇi Bābū einfach seine Tendenz karma auszuführen und identifiziert sich als der Handelnde. Er glaubt, dass er ein Experte in der Gartenarbeit ist, und dass er diese Fähigkeit anderen lehren kann.“

 

Im Kontrast zu dieser Geschichte, kümmerte sich Śrīpāda Rāma dāsa Prabhu, ein anderer Schüler von Śrīla Prabhupāda, um den Garten der Śrī Caitanya Maṭha in Māyāpura. Aber Śrīla Prabhupāda war nicht derselben Meinung, wie bei Śrīpāda Yadumaṇi Bābū, weil Śrī Rāma dāsa Prabhu sich niemals als der Handelnde identifizierte. Er nahm den Dienst der Gartenarbeit nicht an, um jemanden zu beeindrucken, sondern eher, weil er glaubte, dass dieser Dienst das einzige Mittel war, um das höchste Wohlergehen zu erfahren. Also arbeitete er im Garten mit dem festen Vertrauen, dass er Bhagavān und Seinen Gottgeweihten dient.

Einmal kam jemand zu Śrīla Prabhupāda, weil er das Śrīmad-Bhāgavatam studieren wollte und   Śrīla Prabhupāda sandte ihn zu Śrī Rāmadāsa Prabhu. Nachdem diese Person Śrī Rāmadāsa Prabhu getroffen hatte, stellte er fest, dass er ein einfacher Gärtner war. Als er ihn über das Śrīmad-Bhāgvatam befragte, erklärte Rāmadāsa Prabhu, dass die Essenz des Bhāgvatam besagt, dass man sich in den Dienst von Bhagavān und Seinen Geweihten stellen soll. Diese Person kehrte zu Śrīla Prabhupāda zurück und beschwerte sich: „Rāmadāsa Prabhu ist nicht qualifiziert das Bhāgavatam zu lehren. Er möchte mich nur in die Gartenarbeit beschäftigen und er sagt, dass dieser Dienst die Essenz des Bhāgavatams sei.”

Śrīla Prabhupāda antwortete: „Śrī Rāmadāsa Prabhu ist ein wahrer bhāgavata. Er hat sein Leben zur Vollkommenheit gebracht, indem er die Lehren des Śrīmad-Bhāgavatams in sich aufgesaugt hat.”

 etāvaj janma-sāphalyaṁ

dehinām iha dehiṣu

 prāṇair arthair dhiyā vācā

 śreya-ācaraṇaṁ sadā

 

Śrīmad-Bhāgavatam 10.22.35

 

Es ist die Pflicht aller verkörperten Wesen, mit ihrem Leben, ihrem Reichtum, ihrer Intelligenz und ihren Worten wohltätige Aktivitäten zum Wohle anderer durchzuführen.

 

In einem anderen Fall, der seine revolutionäre Seite zeigt, bat Śrīla Prabhupāda einen Geweihten, ein teures Paar Schuhe für Śrī Śrīmad Bhakti Hṛdaya Vana Gosvāmī Mahārāja zu kaufen, der während seines Aufenthaltes in der maṭha, aufgrund seiner natürlichen Entsagung, niemals Schuhe trug.

 

Der Gottgeweihte schickte dann diese Schuhe - die zweiunddreißig Rupien kosteten, eine beträchtliche Ausgabe zu jener Zeit - an Śrīla Vana Gosvāmī Mahārāja mit einer Nachricht, die besagte, dass Śrīla Prabhupāda ihn angewiesen hatte, mit diesen Schuhen vor ihm zu erscheinen. Als Śrī Vana Gosvāmī Mahārāja gehorsam mit den Schuhen vor ihm trat, sagte Śrīla Prabhupāda: "Heute hat deine Entsagung Vollkommenheit erreicht, denn du hast sogar deine Entsagung für den Dienst an Śrīman Mahāprabhu aufgegeben."

 

Auf der anderen Seite, als Śrīla Prabhupāda beobachtete, dass ein Gottgeweihter Schuhe trug, die mehr als fünfundachtzig paisās kosteten, sagte er: „Du bist ein Sinnesgenießer. Es ist äußerst beschämend für eine Person, solch teure Schuhe zu tragen, nachdem sie die veśa (Kleidung) und Gelübde eines Entsagten angenommen hat." Śrīla Prabhupāda vertrat die Ansicht: „Nur diejenige, die die Rolle einer Königin angenommen hat, verdient es königliche Kleidung zu tragen.” Mit diesem Konzept im Kopf erlaubte Śrīla Prabhupāda nicht jedem in der Maṭha das Auto zu benutzen, obwohl es zur Verfügung stand.

Annehmen und Geben im Dienst von Śrī Hari

 

Śrīla Prabhupāda pflegte zu sagen: „Ich habe in meinem ganzen Leben niemals etwas von jemanden angenommen, das zu dieser materiellen Welt gehört. Als ein Diener von śrī guru, Vaiṣṇavas und Bhagavān, habe ich alles was mir gehört offen an alle Menschen verteilt.

Wenn wir über die wörtliche Bedeutung dieser Aussage nachdenken, dann mögen Śrīla Prabhupādas Worte unwahr erscheinen, denn um verschiedene Dienste zu verrichten - wie die Einrichtung von vierundsechzig maṭhas, die Organisation der Instandhaltung dieser maṭhas, er sandte Prediger durch ganz Indien und sogar ins Ausland, veröffentlichte einen Vaiṣṇava-Kalender und andere spirituelle Literatur und organisierte Śrī Navadvīpa-dhāma und Śrī Vraja-maṇḍala parikramā - nahm er die Gaben vieler Menschen an. Nicht nur das, sondern um Spenden für solche Dienste zu sammeln, bat er oft um Beiträge, entweder selbst oder durch seine Schüler.

Śrīla Prabhupādas innere Gemütsstimmung ähnelte dem Jäger, der ein Schüler von Śrī Nārada Muni war, wenn er Spenden für diese Art Dienste annahm, war. Śrī Nārada versicherte seinem Schüler, dass er (Śrī Nārada-jī) für seinen Lebensunterhalt sorgen würde und für alles, was immer er auch braucht. Der Jäger hatte Vertrauen in Śrī Nārada Munis Worten, vernichtete seinen Bogen und die Pfeile, die seine Lebensgrundlage waren und beschäftigte sich in bhajana. Während er dies tat, erhielt er viele Opfergaben von Menschen die sich von seiner Hingabe angezogen fühlten. Er war fest überzeugt: „All diese Dinge werden von śrī guru gesendet. Die Leute liefern diese Sachen an mich wie Postboten. Weil śrī guru mich mit diesen Dingen versorgt, ist es meine Pflicht, sie in den Dienst zu Bhagavān zu stellen, wenn sie dafür geeignet sind. Wenn ich sie barmherzig unter diesen Briefträgern oder anderen Personen verteile, wird das als Dienst an śrī guru und Bhagavān betrachtet."

Als Śrī Nārada-jī und Śrī Parvata Muni den Jäger nach einem Jahr besuchten, bestätigte Śrī Nārada Muni die Auffassung seines Schülers. Als der Jäger sagte: „Gurudeva! Du schickst mehr als nötig für meinen Lebensunterhalt.” Śrī Nārada-jī sagte nicht: „Ich habe dir nie etwas geschickt. Ich komme nur um zu sehen, wie es dir geht, nach diesem Jahr.“ Anstatt dessen sagte er: „Nimm einfach was du brauchst und verteile den Rest an andere.“

Daher, Śrīla Prabhupāda, der das tiefe Vertrauen in den Worten der Heiligen Schriften nährte, demonstrierte solche Prinzipien, durch sein eigenes Verhalten. Wenn wir wahrhaftig den Worten des Jägers in unserem eigenen Leben folgen, dann werden wir nicht der materiellen Knechtschaft unterworfen sein. Aber, wenn wir uns zu Sinnesobjekten hingezogen fühlen und uns der Leute in dieser Welt verpflichten, dann werden wir an die Sinnesobjekte gebunden.

 

Seine Wertschätzung des Śrī Caitanya-caritāmṛta

 

Mein parama-gurudeva, Śrīla Prabhupāda Bhaktisiddhānta Sarasvatī Gosvāmī Ṭhākura, fragte einmal ganz plötzlich Śrī Rājarṣi Śaradendu Nārāyaṇa Rāya, Leiter des Fachbereichs Philosophie an der Universität von Lahore in der Agastya Villa in Darjeeling: „Wenn Sie gezwungen wären, ohne die Gemeinschaft von Gottgeweihten zu leben, aber Sie könnten ein spirituelles Schriftstück behalten, welche Schrift würden Sie auswählen?” Rājarṣi Śaradendu Rāya antwortete sofort: „Śrīmad Bhagavad-gītā, weil folgenden Aussage gemacht wurde:

 

ekaṁ śāstraṁ devakī-putra-gītam

Gītā-māhātmya (7)

 

Das Göttliche Lied, gesungen von Śrī Kṛṣṇa ist die erhabenste Schrift unter allen Heiligen Schriften.

 

sarvopaniṣado gāvo

dogdhā gopāla-nandanaḥ

pārtho vatsaḥ su-dhīr bhoktā

dugdhaṁ gītāmṛtaṁ mahat

Gītā-māhātmya (6)

 

Die Upaniṣads sind wie eine Kuh, und der Kuhhirtenjunge Śrī Kṛṣṇa melkt diese Kuh. Die wundervolle nektarine Milch ist die Śrīmad Bhagavad-gītā, die zuerst vom Kalb ähnlichen Arjuna getrunken wurde, und die restliche Milch wurde von den Gelehrten und Gottgeweihten getrunken.

 

gītā su-gītā kartavyā

kim anyaiḥ śāstra-vistarāyaḥ

yā svayaṁ padmanābhasya

mukha-padmād-viniḥsṛtā

Gītā-māhātmya (4)

 

Man sollte aufmerksam und regelmäßig die Bhagavad-gītā hören und lesen. Warum sollte man noch andere vedische Literatur lesen? Dieses eine Buch wird ausreichen, denn es ist die Essenz aller vedischen Literatur und ist aus dem Lotosmund von Padmanābha (Śrī Kṛṣṇa) hervorgegangen.

 

mala-nirmocanaṁ puṁsāṁ

jala-snānaṁ dine dine

sakṛd gītāmṛta-snānaṁ

saṁsāra-mala-nāśanam

Gītā-māhātmya (3)

 

Wenn man sich täglich mit Wasser wäscht, dann reinigt man sich nur vom körperlichen Schmutz. Aber wenn man nur ein einziges Bad in der Bhagavad-gīta nimmt, die der Heiligen Gaṅgā gleicht, dann wird der Schmutz dieser grobstofflichen materiellen Existenz überwunden (saṁsāra-mala).

Nachdem Śrīla Prabhupāda die Antwort von Śrī Rājarṣi Śaradendu Rāya gehört hat, sagte er: „Āge kaha āra— sprich weiter,” genau wie Śrīman Mahāprabhu zu Śrī Rāmānanda Rāya an den Ufern des Godvārī Flusseses gesprochen hatte. Nachdem er eine Weile tief nachgedacht hat, antwortete Śrī Rājarṣi Śaradendu Rāya: „Śrīmad-Bhāgavatam,” und zitierte folgenden Vers:

 

dharmaḥ projjhita-kaitavo ’tra paramo nirmatsarāṇāṁ satāṁ

vedyaṁ vāstavam atra vastu śivadaṁ tāpa-trayonmūlanam

śrīmad-bhāgavate mahā-muni-kṛte kiṁ vā parair īśvaraḥ

sadyo hṛdy avarudhyate ’tra kṛtibhiḥ śuśrūṣubhis tat-kṣaṇāt

Śrīmad-Bhāgavatam (1.1.2)

 

Im Śrīmad-Bhāgavatam—das von Śrī Vyāsadeva manifestiert wurde, der größte Heilige aus der Urzeit — wurde die wahre und höchste Pflicht der Lebewesen (bhāgavata-dharma) erklärt. Wenn ein Mensch hingebungsvoll die erhabenen Schriften hört und dem bhāgavata-dharma darin nachfolgt, dann werden seine dreifachen Leiden vernichtet werden. Er wird allem Glückverheißenden begegnen und er wird das wahre Wissen über die Höchste Wahrheit verwirklichen. Daher wird er in der Lage sein, den Höchsten Herrn an sein Herz zu binden, durch Seinen süßen Willen. Für einen Menschen, der die oben genannten Symptome erlangen möchte, gibt es keine Notwendigkeit, eine andere Schrift als das Śrīmad-Bhāgavatam zu hören oder zu befolgen. Aber ein Bewerber für die Universität des bhāgavata-dharma muss zwei Qualifikationen mitbringen. Zuerst sollte keine kaitava (anmaßende, betrügerische Aktivitäten), betreiben und zweitens, er sollte ein nirmatsāra sādhu sein, ein Mensch dessen Herz gefüllt ist mit Mitgefühl für alle Lebewesen, ihn selbst miteingeschlossen.

 

 yasyāṁ vai śrūyamāṇāyāṁ

 kṛṣṇe parama-pūruṣe

bhaktir utpadyate puṁsaḥ

 śoka-moha-bhayāpahā

 Śrīmad-Bhāgavatam (1.7.7)

 

Die bloße akustische Aufnahme dieser vedischen Literatur bewirkt, dass bhakti zu Bhagavān Śrī Kṛṣṇa sofort aufkeimt und das Feuer der Klage, der Illusion und der Furcht auslöscht.

 

 nigama-kalpa-taror galitaṁ phalaṁ

 śuka-mukhād amṛta-drava-saṁyutam

pibata bhāgavataṁ rasam ālayaṁ

muhur aho rasikā bhuvi bhāvukāḥ

 Śrīmad-Bhāgavatam (1.1.3)

 

Das Śrīmad-Bhāgavatam ist die reife, saftige Frucht des Wunsch erfüllenden Baumes der vedischen Literatur. Es wird von den Lippen von Śrī Śukadeva Gosvāmī ausgestrahlt und durch die Lehrer-Schüler-Nachfolge eines echten spirituellen Meisters, ist es bereitwillig in seiner Gänze auf diese Erde herabgestiegen. Es ist gesättigt mit dem höchst wohltuenden ambrosischen Nektar transzendentaler Emotionen (rasa). Da es keine Schale, harten Kern, Fasern oder andere unbrauchbare Teile enthält, kann man es trinken, weil es ganz und gar flüssig ist. Oh, große Gottgeweihte — Ihr, die Ihr bhāvuka seid (gut bekannt mit den transzendentalen nektarinen Emotionen der Göttlichen Liebe) und rasika (Experte darin die besonderen Formen der verflüssigten Ambrosia der transzendentalen Emotionen zu kosten) — Ihr solltet immer wieder den süßen Nektar des Śrīmad Bhāgavatams trinken, auch auf der befreiten Stufe. In der Tat, die erhabenen befreiten Seelen genießen immer wieder das Śrīmad-Bhāgavatam. *

 

 artho ’yaṁ brahma-sūtrāṇāṁ

 bhāratārtha-vinirṇayaḥ

 gāyatrī-bhāṣya-rūpo ’sau

 vedārtha-paribṛṁhitaḥ

 Garuda Purāṇa

 

Die Bedeutungen des Vedānta-sūtra sind im Śrīmad-Bhāgavatam enthalten, wie die höchsten philosophischen Erkenntnisse des Mahābhārata. Das Śrīmad-Bhāgavatam ist die Verkörperung des Kommentars zum brahma-gāyatrī, und es gibt eine ausführliche Erklärung der Bedeutungen der Veden. *

 sarva-vedānta-sāraṁ hi

śrīmad-bhāgavatam iṣyate

 tad-rasāmṛta-tṛptasyā

nānyatra syād ratiḥ kvacit

 Śrīmad-Bhāgavatam (12.13.15)

 

Das Śrīmad-Bhāgavatam ist die Essenz aller Vedānta. Wer immer von der transzendentalen Süße des Śrīmad Bhāgavatam zufriedengestellt wurde (bhakti-rasa) ist nie mehr von irgendeiner anderen Literatur angezogen. *

 

cāri-veda—‘dadhi’, bhāgavata—‘navanīta’

 mathilena śuke, khāilena parīkṣita

Śrī Caitanya-bhāgavata (Madhya-khaṇḍa 21.16)

 

Die vier Veden sind wie Joghurt und das Śrīmad Bhāgavatam ist wie Butter. Śrī Śukadeva Gosvāmī schäumte diesen Joghurt zu Butter und Śrī Parīkṣit Mahārāja kostete das Ergebnis.

 

Śrī Rājarṣi Śaradendu Nārāyaṇa Rāya sagte daraufhin: „Es gibt viele andere Verse in verschiedenen Schriften, die das Śrīmad Bhāgavatam auf ähnliche Weise verherrlichen. Man kann deshalb die Schlussfolgerung ziehen, dass das Śrīmad-Bhāgavatam die höchste, aller vedischen Schriften ist. Meiner Meinung nach gibt es keine Schrift, die höher steht als das Śrīmad-Bhāgavatam.”

Śrīla Prabhupāda sagte wieder: „Āge kaha āra — sprich weiter.”

Rājarṣi Śaradendu Nārāyaṇa Rāya antwortete: „Ich bin nicht qualifiziert weiterzusprechen.”

Śrīla Prabhupāda sagte dann: „Śrī Caitanya caritāmṛta ist die herrlichste Schrift. Wenn ich am Leben wäre und beobachten würde, wie die Erde zu der Zeit der Vernichtung in das Wasser eintaucht (mahā-pralaya), dann würde ich keine andere Schrift bewahren als das Śrī Caitanya-caritāmṛta; Ich würde es schützend an meine Brust halten, während ich schwimme. Die Leere, die nach der Vernichtung der Vedischen Literatur entstehen würde, würde einfach durch die Existenz des Śrī Caitanya caritāmṛta gefüllt werden.”

Um den außergewöhnlichen und göttlichen Charakter von Śrīman Mahāprabhu glorreich zu offenbaren, hat der Autor des Śrī Caitanya-caritāmṛta, Śrīla Kṛṣṇadāsa Kavirāja Gosvāmī,  nityānanda-tattva, śrī-guru-tattva, kṛṣṇa-tattva, rādhā-tattva und advaita-tattva, sowie Śrī Kṛṣṇas besondere Manifestation als pañca-tattva beschrieben. Indem Śrīla Kavirāja Gosvāmī die Spiele des   Ratha-yātrā und die Reinigung des Guṇḍicā Tempels (guṇḍicā-mandira-mārjana) erzählt, hat er die Herrlichkeiten von Vraja, den Vrajavāsīs, ihre Gemütsstimmung der Hingabe und ihres Dienstes zu Śrī Kṛṣṇa und die höchste Stellung der vraja-gopīs unter allen Geweihten Śrī Kṛṣṇas etabliert.

Durch die Erzählung der Rāya Rāmānanda Saṁvāda, hat er die Essenz aller vedischen Literatur durch eine vergleichende und fortschreitende Analyse der signifikanten Unterweisungen aller verschiedener Schriften präsentiert, und errichtete die erstaunlichsten Herrlichkeiten des parakīya-rasa.

Im Rūpa-śikṣā und Sanātana-śikṣā, stellte er die Analyse der subtilsten Aspekte von sambandha-, abhidheya- und prayojana-tattvas dar. Durch seine Erzählung der Spiele von Nāmācārya Śrīla Haridāsa Ṭhākura und anderen, etablierte er den glanzvollen Ruhm von harināma. Bei der Beschreibung von Śrīman Mahāprabhus Diskussionen mit Śrī Sārvabhauma Bhaṭṭācārya und Śrī Prakāśānanda Sarasvatī, hat er die völlige Ablehnung der Prinzipien des advaitavāda (Nicht-Dualismus) durch den Herrn und Seine Erschaffung der Lehre des acintya-bhedā-bheda-tattva (unfassbare, gleichzeitige Einheit und Differenz) durch Zitate aus den śāstra festgehalten.

Außerdem ist die Art und Weise, wie Śrīla Kavirāja Gosvāmī die vielfältigen Spiele von Śrīman Mahāprabhu beschrieben hat, in denen der Herr durch sein beispielhaftes Verhalten und Umgang die Lehren vermittelt hat, äußerst segensreicht für die Lebewesen in diesem Kali-yuga. Durch Befolgen des sutra, „mitaṁ ca sāraṁ ca vaco hi vāgmitā — essenzielle Wahrheit prägnant ausgedrückt ist wahre Beredsamkeit,” hat Śrīla Kṛṣṇadāsa Kavirāja Gosvāmī sehr präzise die Essenz aller Schriften im Śrī Caitanya caritāmṛta erläutert.

Es ist möglicherweise auf die oben genannten Gründe zurückzuführen, daß Śrīla Prabhupāda eine so starke Meinung über die Vorherrschaft des Śrī Caitanya-caritāmṛta vertrat.

Ich pflegte das Haus von Śrī Rājarṣi Śaradendu Nārāyaṇa Rāya zusammen mit Śrī Mādhavānanda Prabhu, der harināma von Śrīla Prabhupāda und dikṣā von unserem gurudeva angenommen hatte, zu besuchen, um Almosen (bhikṣā) zu sammeln. Dort hatte ich zweimal die Gelegenheit direkt von Śrī Rājarṣi Śaradendu Nārāyaṇa Rāya zu hören, wie Śrīla Prabhupāda das Śrī Caitanya cairtāmṛta verherrlicht hat.

Nachdem ich seinen Bericht gehört hatte und obwohl ich festen Glauben an die Herrlichkeiten des Śrī Caitanya-caritāmṛta entwickelt hatte, fehlte mir immer noch die Verwirklichung darüber. Selbst als ich später das Śrī Caitanya-caritāmṛta selbst las, erlangte ich keine Verwirklichung der Aussagen von Śrīla Prabhupāda.

Nachdem ich im Laufe der Jahre von den vielen Schülern von Śrīla Prabhupāda Reden über die Śrī Caitanya caritāmṛta gehört hatte, und besonders als ich begann, die Śrī Caitanya caritāmṛta von Bengali ins Hindi zu übersetzen und auf die Bedeutung jedes einzelnen Wortes achten musste, wurde ich mit immer neuen Erklärungen zu den vielen spirituellen Themen, die in dieser großen Schrift enthalten sind, erleuchtet. Durch diese Übersetzungsarbeit verstand ich auf sehr einfache und intuitive Weise die detaillierten Bedeutungen vieler höchst subtiler Verse des Śrīmad-Bhāgavatam. Ich erlebe und erkenne erst jetzt direkt die Bedeutung von Śrīla Prabhupādas Worten

Das Śrī Caitanya-caritāmṛta ist sicherlich barmherziger und segensreicher als sogar das Śrīmad Bhāgavatam, die höchste aller vedischen Literaturen. In seiner Einleitung zum Śrī Caitanya caritāmṛta hat Śrīla Prabhupāda sein völliges Erstaunen darüber beschrieben, dass Śrīla Kṛṣṇadāsa Kavirāja Gosvāmī bei der Schilderung des Lebens von Śrī Caitanya Mahāprabhu eine unübertroffene Fähigkeit zum Verständnis der tiefen Bedeutungen aller verschiedenen Schriften gezeigt hat, eine außergewöhnliche Einsicht in ansonsten unergründliche philosophische Themen, eine beispiellose und durchdachte Sachkenntnis in der Verwendung einer zugänglichen Terminologie, um selbst die subtilsten spirituellen Prinzipien für die breite Masse zu beschreiben, und ein kristallklares Verständnis der Kavya, Purāṇas, Itihāsa, Smṛti und Gaṇita (ein Zweig der Astrologie).

Gelehrte Experten sagten voraus, dass man, um eine so außergewöhnliche transzendentale Literatur zu lesen, die Gelehrten der vielen Ländern der Welt inspiriert fühlen würden Bengali zu lernen. Śrīla Kavirāja Gosvāmīs Vollkommenheit in den Kompositionen lieblich getönter Poesie (bhāva-mādhurya-parākāṣṭha) wird von allen berühmten Dichtern der Welt geschätzt. Die Feierlichkeit, mit der er die Vorgänge des madhura-rasa beschreibt, kann nur von hochqualifizierten Personen beurteilt werden, die äußerst schwer zu finden sind.

Der Autor des Śrī Caitanya-caritāmṛta, hat in dieser Komposition eine außergewöhnliche Zusammenstellung von subtilsten Spielen von Śrīman Mahāprabhu in Verbindung mit Zitaten aus verschiedenen Schriften vorgelegt und damit den schwachen Herzen seiner Leser die materiell inspirierte Tendenz zur Spekulation genommen. Das Leben, die Aktivitäten, das Verhalten und der Charakter von Śrīman Mahāprabhu (śrī caitanya-carita) sind allesamt ewig, und die in Śrī Caitanya-caritāmṛta dargestellten Ideale zerstören daher die Neigung der Lebewesen zum Sinnengenuss (bhoga-pravṛtti), während sie sie in ihrer wahren konstitutionellen Aktivität verankern: dem Dienst zum Höchsten Herrn (sevā-vṛtti).

 

Seine Begegnungen mit prominenten Persönlichkeiten

 

Śrī Madana-mohana Malaviya

 

Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda initiierte die Veröffentlichung einer spirituellen Tageszeitung namens Dainika Nadīyā Prakāśa. Meinem śikṣā-guru, Śrī Śrīmad Bhakti Pramoda Purī Gosvāmī Mahārāja (damals bekannt als Śrī Prāṇavānanda Brahmacārī), wurde die Verantwortung für die Herausgabe der Zeitung übertragen, in der transzendentale und immer aktuelle Essays über die spirituelle Welt veröffentlicht wurden. Von ihm hörte ich von dem folgenden Spiel Śrīla Prabhupādas. Einmal fragte Śrī Madana-mohana Malaviya, der Gründer der weltberühmten Banaras Hindu Universität in Vārāṇasī, Uttar Pradesh, Śrīla Prabhupāda in der Śrī Gauḍīya Maṭha in Bāgbāzār, Kolkata erstaunt: „Wie lange werden Sie in der Lage sein, diese Dainika Nadīyā Prakāśa herauszugeben? Woher werden Sie die große Anzahl spiritueller Artikel bekommen, die nötig sind, um jeden Tag diese Zeitung zu drucken?

 

Śrīla Prabhupāda antwortete: „Ihr Erstaunen ist nichts im Vergleich zu dem Erstaunen, das ich empfinde, wenn ich sehe, dass Sie, eine Person, die als einer der größten und besten Gelehrten Indiens gilt, sich über diese Dinge wundert. Diese materielle Schöpfung ist lediglich der Abglanz eines Viertels der transzendentalen Schöpfung. Überall auf dem Globus werden täglich unzählige Zeitungen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht, und dieser Erdplanet ist nur ein Teil des vierzehnfachen Planetensystems, das zu nur einem der unzähligen brahmāṇḍas in der materiellen Schöpfung gehört. Warum sollten Sie also erstaunt darüber sein, dass täglich nur eine einzige Zeitung erscheint, die Dainika Nadīyā Prakāśa, die sich mit der transzendentalen spirituellen Welt beschäftigt? Tatsächlich haben wir genug transzendentale Inhalte über die spirituelle Welt, um von jetzt an bis in alle Ewigkeit zahlreiche Tageszeitungen zu veröffentlichen." Da ein Gelehrter implizite Botschaften sehr leicht erkennen kann, war Śrī Madana-mohana Malaviya äußerst erfreut Śrīla Prabhupādas Erklärung zu hören, dass die spirituelle Welt von Natur aus unbegrenzt ist, und daher das Reservoir an transzendentalen Themen, aus dem die Zeitung schöpfen könnte, ebenso unbegrenzt ist.

Śrī Madana-mohana Malaviya fragte Śrīla Prabhupāda: „Wir stellen fest, dass in der Gauḍīya Maṭha Leute aller varṇas und āśramas (sozialer und spiritueller Stand) dīkṣā verliehen wird. Männer, die in Nicht-brāhmaṇa-Familien geboren sind, werden mit der upanayana Schnur ausgezeichnet, die für brāhmaṇas reserviert ist, und alle bringen Dienste zu Bhagavān dar —wie arcana (Verehrung der Bildgestalten), Kochen und das Studium der Heiligen Schriften — das traditionell nur von denen ausgeübt wird, die in brāhmaṇa Familien geboren werden. Es gibt auch viele andere unkonventionelle Prinzipien, die hier in der maṭha angewendet werden. Ist dies nicht ein Verstoß gegen das varṇāśrama-dharma, den Verfügungen der Heiligen Schriften?”

Śrīla Prabhupāda antwortete: „So wie die Seele und der Körper zueinander in Beziehung stehen, so sind auch bhagavad-prema (transzendentale Liebe für Bhagavān) und varṇāśrama-dharma verbunden. Obwohl wir unsere Aufmerksamkeit auf die Seele richten und nicht auf diesen materiellen Körper, kann der Körper nicht vollständig vernachlässigt werden, besonders auf der bedingten Stufe des Lebens. Auch wenn es unser höchstes Ziel ist, bhagavad-prema zu erlangen, ist es nicht sinnvoll, dem varṇāśrama-dharma gegenüber völlig gleichgültig zu sein, besonders solange wir uns im bedingten Stadium befinden. „Es ist daiva (göttliches) varṇāśrama-dharma, das in den Schriften festgelegt wurde, und nicht adaiva (weltliches) varṇāśrama-dharma. Letzteres berücksichtigt die Geburt in einer brāhmaṇa-Familie um als brāhmaṇa qualifiziert zu sein, ungeachtet, ob er die Eigenschaften eines brāhmaṇas besitzt oder ober er standesgemäßen Beschäftigungen nachgeht. Konträr dazu basieren im daiva-varṇāśrama-dharma das varṇa und das āśrama eines Menschen auf die Eigenschaften, die er an den Tag legt, und auf die Tätigkeiten, denen er nachgeht. Im Śrīmad-Bhāgavatam (7.11.35) heißt es:

 

 yasya yal lakṣaṇaṁ proktaṁ

 puṁso varṇābhivyañjakam

 yad anyatrāpi dṛśyeta

 tat tenaiva vinirdiśet

Eine Person sollte der sozialen Ordnung als zugehörig betrachtet werden, für die sie Eigenschaften besitzt, auch wenn sie in einer anderen Kaste erschienen ist.

 

„Auch Śrī Kṛṣṇa sagt in der Śrīmad Bhagavad-gītā (4.13):

 

cātur-varṇyaṁ mayā sṛṣṭaṁ

 guṇa-karma-vibhāgaśaḥ

 

In Entsprechung zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur und der Arbeit, die ihnen zugeordnet ist, wurden die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft von Mir geschaffen.

 

"Die beiden obigen Verse unterstützen nur die Prinzipien des daiva-varṇāśrama-dharma. Von Śrī Ṛṣabhadevas hundert Söhnen waren einundachtzig Söhne als rituelle brāhmaṇas bekannt, neun Söhne waren als kṣatriya, -Landbesitzer der neun Inseln bekannt, neun Söhne waren als Praktizierende des bhakti-yoga bekannt, und ein Sohn, Śrī Bharata, war als mahā-bhāgavata bekannt, oder als eine große, transzendentale Persönlichkeit jenseits des Bereichs der vier varṇas und āśramas." Nachdem er Śrīla Prabhupādas tiefgründige und aufschlussreiche Ausführungen über daiva-varṇāśrama-dharma gehört hatte, nahm Śrī Madana-mohana Malaviya sie aufrichtig in seinem Herzen an und sagte: „Der Standpunkt der Śrī Gauḍīya Maṭha hat mir die Augen geöffnet. Obwohl ich auch das Śrīmad Bhāgavatam und die Śrīmad Bhagavad-gītā studiert habe, die wunderbaren Offenbarungen, die mir jetzt von Ihnen präsentiert wurden, waren mir nicht bekannt.” Als Śrī Madana-mohana Malaviya abreiste, lud er Śrīla Prabhupāda ein, die Banaras Hindu Universität zu besuchen.

Als Śrīla Prabhupāda und seine Schüler nach Kāśi (Vārāṇasī) kam, um dort die Botschaft von Śrīman Mahāprabhu zu verkünden, wurden sie vom Rektor der Banaras Hindu Universität eingeladen. Śrīla Prabhupāda nahm die Einladung an, und dort sprach er zu einer großen Versammlung, die aus dem Gründer der Universität, Mitgliedern des Verwaltungsausschusses, Professoren und Studenten bestand.

Als Śrīla Prabhupāda seine Rede beendet hatte, näherte sich ihm der Vizekanzler und sagte: „Ich hatte Schwierigkeiten, Ihren Ausführungen zu folgen, und ich bin sicher, dass auch andere Ihre Terminologie ziemlich verwirrend fanden. Hätten Sie Ihre Ansichten in einer einfacheren Sprache ausgedrückt, wäre es für alle leichter gewesen, ihnen vollständig folgen zu können.” Śrīla Prabhupāda antwortete: „Es wäre besser, wenn Sie den Studenten und Lehrkräften der Universität den Rat geben, ihr eigenes Verständnisniveau zu erhöhen. Warum fordern Sie mich auf, das Niveau meiner Rede zu senken? Es ist schändlich zu hören, dass sogar die Studenten und der Lehrkörper der Banaras Hindu Universität Schwierigkeiten haben, die einfachsten Lehren der vedischen Schriften zu verstehen." Śrīla Prabhupādas Ideologie war so erhaben, dass es selbst für die hochgelehrten Professoren der Banaras Hindu Universität schwierig war, sie richtig zu verstehen.

 

Śrī Rabindranath Tagore

 

Während der Zeit, als Śrīla Prabhupāda erwog, einige seiner Schüler ins Ausland zu schicken, um die Botschaft Śrīman Mahāprabhus zu verbreiten, traf er sich mit Śrī Rabindranath Tagore, dem weltberühmten Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, um sich über seinen Besuch im Westen zu erkundigen, als er den Nobelpreis entgegengenommen hatte. Śrīla Prabhupāda fragte: Was ist Ihre Meinung, in welche westlichen Länder sollten unsere Prediger der Gauḍīya Maṭha zuerst reisen, um die Botschaft Śrī Caitanya Mahāprabhus zu verkünden?”

Śrī Rabindranath Tagore antwortete: „In keines. Zurzeit ist es nicht ratsam, Prediger in westliche Länder zu schicken. Viele skrupellose Menschen, die früher diese Orte besuchten, um das vedische dharma zu predigen, haben das Image der indischen Heiligen beschädigt. Infolgedessen haben die Menschen in den westlichen Ländern das Vertrauen in die sādhus verloren.”

Nach einer weiteren Diskussion über dieses Thema machte Śrīla Prabhupāda ihn kurz mit der Ideologie von Śrī Caitanya Mahāprabhu bekannt, die die Lehre der Gauḍīya Vaiṣṇavas ist. Śrī Rabindranath Tagore, der von Śrīla Prabhupādas Darstellung der Gauḍīya-Philosophie gefesselt und bewegt war, sagte: „Nur wenn Sie selbst die westlichen Länder besuchen, wird Ihnen großer Erfolg beim Predigen sicher sein. Jeder wird Sie sicherlich ehrenvoll begrüßen."

Śrīla Prabhupāda antwortete: „Ich werde Personen senden, die genauso qualifiziert sind wie ich.” Während des Gesprächs, das sich auf pseudo Gauḍīya Vaiṣṇavas bezog, verwendete Śrīla Prabhupāda den Begriff prakṛta-sahajiyā. Als Śrī Rabindranath Tagore diesen Begriff hörte, sagte er: „Ich bin in meinem Leben noch nie auf diesen Begriff gestoßen; ich habe diesen Begriff in keinem Wörterbuch gesehen." Śrīla Prabhupāda erklärte: „Das Wort sahajiyā ist ein hochheiliger Begriff. Er bezieht sich auf die wahrhaft reinen Geweihten von Śrī Kṛṣṇa, deren Herzen mit spontaner bedingungsloser Liebe und Zuneigung zu Ihm gefüllt sind, und unabhängig von Aussagen der Heiligen Schriften, die Ihn als Bhagavān verherrlichen. Beispiele von solch erhabenen ewig vollkommenen Geweihten sind die Bewohner Vraja, wie Śrī Nanda, Śrī Yaśodā, Śrī Rādhārāṇī und andere. Heutzutage versuchen viele unqualifizierte bedingte Seelen die Gemütsstimmungen dieser großen befreiten Persönlichkeiten zu imitieren, indem sie ihrem eigenen Charakter auf betrügerische Weise solche Gemütsstimmungen aufzwingen. Daher benutze ich dieses Wort prakṛta-sahajiyā und beziehe mich auf solche Leute, denn heutzutage ist die Prostitution von Wörtern oder die grobe Verdrehung oder Verfälschung der wahren Bedeutung von Wörtern zur Unterstützung eigener Interessen gang und gäbe. In diesen Tagen ist die große Mehrheit der Leute nicht in der Lage die eigentliche Bedeutung von Worten zu verstehen und so verbreitet sich ungehindert die Verdrehung der Terminologie.”

Die zugrundeliegende Botschaft in diesem Bericht ist, dass die Worte von Śrīla Prabhupāda nicht zu dieser materiellen Welt gehören, sondern zur transzendentalen Welt. Er verwendete oft Begriffe, die selbst den berühmtesten und bewundernswertesten Gelehrten der Gesellschaft unbekannt waren.

 

Śrī Subhas Chandra Bose

 

Mein śikṣā-guru, Śrī Śrīmad Bhakti Śaraṇa Trivikrama Gosvāmī Mahārāja, erzählte mir einmal, wie Śrī Subhas Chandra Bose, der berühmte Freiheitskämpfer Indiens, zusammen mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten nach Śrī Gauḍīya Maṭha kam, um Śrīla Prabhupāda Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura zu treffen.

Während ihres Treffens sagte Śrī Subhas Chandra Bose zu Śrīla Prabhupāda: „Da ich ein Gelübde abgelegt habe, unser Mutterland von der Fremdherrschaft zu befreien, habe ich im ganzen Land einen Slogan verkündet: 'Gebt mir euer Blut, und ich verspreche euch Freiheit.' Ich habe vor kurzem erfahren, dass viele junge Männer bei Ihnen Zuflucht gesucht haben. Bitte vertrauen Sie mir einige dieser Männer an, damit sie für die Freiheit dieses Landes kämpfen können."

Daraufhin fragte Śrīla Prabhupāda ihn: „Haben Sie die Śrīmad Bhagavad-gītā gelesen?" Śrī Subhas Chandra Bose antwortete: „Ja, das habe ich." Śrīla Prabhupāda fragte weiter: „Erinnern Sie sich an diesen Vers:

 

 yaṁ yaṁ vāpi smaran bhāvaṁ

 tyajaty ante kalevaram

 taṁ tam evaiti kaunteya

 sadā tad-bhāva-bhāvitaḥ

Śrīmad Bhagavad-gītā (8. 6)

 

Oh, Sohn Kuntīs, der Mensch erlangt ohne Zweifel den Zustand, an den er sich erinnert, wenn er den Körper aufgibt.

„Ja, gewiß."

„Dann glauben Sie definitiv an die Reinkarnation.“

„Natürlich!” antwortete Śrī Subhas Chandra Bose. „Welcher Hindu in dieser Welt glaubt nicht an die Reinkarnation?“

Śrīla Prabhupāda fragte ihn dann: „Wenn Sie zufällig heute sterben und im nächsten Leben in England geboren werden, werden Sie dann weiter für die Freiheit Indiens kämpfen, oder werden Sie dafür kämpfen, die Vorherrschaft über Indien zu erhalten?"

Śrī Subhas Chandra Bose antwortete: „Ich verstehe Ihren Punkt, aber wir müssen mit Sicherheit an die Freiheit unseres Mutterlandes denken.“

Dazu sagte Śrīla Prabhupāda: „Ihnen geht es nur um die vorübergehende, weltliche Freiheit und Befreiung einiger weniger Menschen, die im Moment zufällig die materielle Bezeichnung "Inder" tragen. Mir hingegen geht nicht nur darum die gesamte menschliche Rasse aus der Knechtschaft   dieser materiellen Welt zu befreien, sondern jedes Lebewesens."

Śrī Subhas Chandra Bose antwortete: „Ich habe so etwas noch nie vorher gehört. Bevor ich Ihnen begegnete, hatte mir niemand jemals solch tiefgründige Erläuterungen der Lehren der Gītā gegeben. Aber ich fürchte, ich bin in meinem Kampf für die Freiheit schon zu weit gegangen, um zurückzublicken." Mit diesen Worten verließ Śrī Subhas Chandra Bose die maṭha, ohne weitere Bitten an Śrīla Prabhupāda zu richten, ihm Männer für den Kampf, um die Unabhängigkeit Indiens zu geben.

 

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