Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Gosvāmī Ṭhākura Prabhupāda gab einmal folgendes Beispiel: Ein blinder Mann ging nachts mit einer Fackel in der Hand. Als man ihn fragte: „Du bist blind—warum trägst du ein Licht?“, antwortete er: „Es ist nicht für mich, sondern für andere.“ Oberflächlich klingt dies sehr edel, doch in Wahrheit ist eine Fackel, die nicht einmal den eigenen Weg erleuchtet, keine Barmherzigkeit—sie ist Täuschung. Das Licht der śāstra ist nicht dazu da, lābha, pūjā und pratiṣṭhā zu sammeln. Solche Prediger sind begierig, die Welt zu reformieren, aber nicht bereit, sich selbst zu reformieren. Vielleicht können sie śāstra fließend zitieren, doch wenn es nicht im eigenen Leben angewendet wird, wird alles wertlos. Für sie wird hari-kathā zu einem Beruf oder zu einer Art Darbietung. Sie möchten anderen Augen geben, während sie ihre eigene Blindheit nicht eingestehen—wie seltsam ist das! Dies ist kein sevā—dies ist kaitava-dharma, verborgen hinter der Maske von Mitgefühl. Die śāstra ist nicht dafür da, lediglich unsere Zunge zu schmücken, sondern sie ist ein scharfes Schwert, das unser falsches Ego durchtrennen soll. Erst wenn die śāstra im eigenen Leben angewendet wird, kann man wirklich predigen. Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Gosvāmī Prabhupāda sagte: „Predigen ohne ācaraṇa (ohne praktisches Leben danach) ist nichts anderes als karma.“ Doch wenn jemand echtes ācaraṇa besitzt und gleichzeitig zum Predigen befähigt ist—warum sollte ein solcher bhakta dann nicht predigen? Das ist eine sehr wesentliche Frage.
Śrīla Haridāsa Ṭhākura und Sanātana Gosvāmīpāda diskutierten diesen wichtigen Punkt in Puruṣottama-dhāma. Sanātana Gosvāmī pries Haridāsa Ṭhākura als Nāmācārya, doch Haridāsa Ṭhākura erwiderte: „Nein, eigentlich bist du die wichtigste Persönlichkeit, denn Mahāprabhu hat dir den Auftrag gegeben, die geheimen siddhāntas zu etablieren und die verlorenen līlā-sthalīs wiederzuentdecken.“ Daraufhin machte Sanātana Gosvāmīpāda eine entscheidende Beobachtung: Manche Menschen zeigen ein korrektes Vaiṣṇava-Verhalten, predigen jedoch nicht, während andere predigen, aber kein eigenes ācaraṇa besitzen. Sanātana Gosvāmī hob Śrīla Haridāsa Ṭhākura hervor, weil er beide Eigenschaften vereinte, und zeigte damit, dass Haridāsa Ṭhākura zweifellos die höchste Autorität in der Gauḍīya-Tradition ist.
āpane ācare keha, nā kare pracāra / pracāra karena keha, nā karena ācāra — Manche verhalten sich korrekt, predigen jedoch nicht, während andere predigen, aber sich nicht entsprechend verhalten.
‘ācāra’, ‘pracāra’—nāmera karaha ‘dui’ kārya / tumi—sarva-guru, tumi jagatera ārya — Du erfüllst beide Aufgaben zugleich—durch dein Verhalten und dein Predigen—und bist daher der höchste Lehrer der Welt. (Cc Antya-līlā 102–103)
Bezüglich der Prediger erklärt Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura:
Ein Prediger des heiligen Namens, der dem Beispiel heiliger Persönlichkeiten folgt, ist für die Welt von größerem Nutzen als solche bhaktas, die das Predigen vernachlässigen und sich lediglich im Glück ihres eigenen bhajana verlieren (Sajjana-toṣaṇī 4/2).
Nur jene, die vollständiges Wissen über reine bhakti besitzen und den Geschmack des beleidigungsfreien Chantens des heiligen Namens erfahren, sind zum Predigen qualifiziert (Sajjana-toṣaṇī 10/11).
Die Verantwortung des Predigens sollte solchen anvertraut werden, die tatsächlich bhajana ausführen—bloße Redekunst qualifiziert niemanden Gaurangas Leheren zu verbreiten (Sajjana-toṣaṇī 10/11).
Der Prediger sollte unbedingt die Vergehen (aparādhas) gegen das Chanten des Heiligen Namens des Herrn kennen. Wenn er dies versteht, wird er zu einem qualifizierten Prediger des Heiligen Namens. Im Verlauf des Predigens des Heiligen Namens sollte er alle Menschen darin unterweisen, stets wachsam zu bleiben, um keine Vergehen gegen das Chanten des Heiligen Namens zu begehen. Andernfalls werden die Prediger selbst zu Sündern des Heiligen Namens. (Sajjana-toṣaṇī 10/11)
Wenn heilige Personen religiöse Prinzipien befolgen, wird dies ācāra genannt – rechtes Verhalten oder vorbildliche Lebensführung. Diese religiösen Prinzipien anderen Lebewesen in der Welt zu verkünden, wird pracāra genannt – Predigen. Wenn jemand sich in ācāra oder pracāra engagieren möchte, sollte er zunächst die Lebensführung heiliger Personen erlernen. Manche Menschen beginnen jedoch, nachdem sie dies oder jenes gehört oder gelernt haben, zu predigen, noch bevor sie es selbst praktizieren. Daher bleiben ihre Ergebnisse unzureichend. Wenn jemand die religiösen Prinzipien nicht selbst befolgt, aber andere darüber belehrt, verursacht er große Störungen in der Welt. (Sajjana-toṣaṇī 4/2)
Für Prediger ist es absolut notwendig, rein zu werden. Das Singen des Heiligen Namens findet man überall, doch wenn wir hingehen, um es zu hören, empfinden wir großen Schmerz, wenn wir die Unreinheit der Sänger sehen. Entweder chanten sie den Heiligen Namen, um die Ausbreitung von Krankheiten im Dorf zu stoppen, oder sie chanten aus Angst vor Yamarāja. Ein solches Chanten, das aus einem Herzen hervorgeht, das von dem Verlangen nach Befreiung und materiellem Genuss verunreinigt ist, ist nichts anderes als eine verzerrte Widerspiegelung des Heiligen Namens. Durch ein solches Chanten kann kein ewiges Wohl erreicht werden. Wenn jedoch die „Händler“ und „Verkäufer“ auf dem Marktplatz des Heiligen Namens solche Wünsche aufgeben, können sie den reinen Heiligen Namen predigen. Wenn sie jedoch den Heiligen Namen mit dem Wunsch chanten, Geld, Ansehen oder Ruhm zu erlangen, wird der eigentliche Zweck, den Marktplatz zur Verbreitung des Heiligen Namens zu eröffnen, nicht erfüllt. (Viṣṇupriyā Pallī Magazine, Vol. 2)
Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura, Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda, Śrīla Bhakti Prajñāna Keśava Gosvāmī Mahārāja und Śrīla Bhakti Rakṣaka Śrīdhara Dev Gosvāmī Mahārāja etc. sind allmächtige ācāryas, die fähig sind, bhakti in die Herzen der bedingten Seelen einzupflanzen und unzählige jīvas zu befreien. Wer sowohl Vaiṣṇava-Verhalten (ācāra) besitzt als auch die Kraft hat, bhakti zu verbreiten (pracāra), ist ein wahrer Prediger. Predigen ohne echtes ācaraṇa bringt nur Unruhe hervor, und solche Prediger sowie ihre Anhänger bewegen sich auf einen sehr gefährlichen Weg.
Gaura Hari Hari Bol
