(Amara Prabhura Kathā)

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Auszüge aus

„Mein Meister und seine Lehren“

von Śrī  Śrīmad Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda

Wir präsentieren hier Auszüge aus einer Reihe von Artikeln von Jagad-Guru Śrīla Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda, die unter dem Titel "Amara Prabhura Kathā - My Master And His Teachings" veröffentlicht wurden. Sie erschienen zuerst in der Zeitschrift Śrī  Sajjana-tosani (DER HARMONIST), Jahrgang 19, Ausgaben 5-6. Wir präsentieren auch Auszüge aus dem Vortrag, den  Śrīla Sarasvatī Ṭhākura Prabhupāda über das über-weltliche und transzendentale Leben und die Lehren von Śrīla Gaura-kisora dasa Babaji Maharaja anlässlich seines tirobhava-tithi, dem Tag seines heiligen Verscheidens aus dieser Welt, hielt.

Śrīla Sarasvatī Ṭhākuras Stil offenbart hier einen Weg, der unabhängig von der konventionellen gesellschaftlichen Norm eine gewisse unvergleichliche Besonderheit bewahrt, wenn es darum geht, wie man sich Śrī  Guru und anderen transzendentalen Persönlichkeiten nähert. Dies hat keine Ähnlichkeit mit dem Ansatz von gewöhnlichen Philosophen, indem sie das Leben großer Persönlichkeiten oder ihrer eigenen gurus zu beschreiben. Im folgenden Artikel entlarvt Jagad Guru Śrīla Prabhupāda demütig und  analytisch die Haltung, mit der das gemeine Volk eine Show daraus macht, sich Śrī  Gurudeva und großen Persönlichkeiten zu nähern. Dies unternimmt er im Zuge der Erörterung der Berichte (kathā) seines eigenen Śrī  Gurudeva.


- Die Redakteure des bengalischen Originalartikels

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Wird jeder die Erzählungen (kathā) über meinen spirituellen Meister (prabhu) schmackhaft finden? Das weiß ich nicht. Man kann sich sogar fragen: „Was habe ich davon, wenn ich mir die Berichte über Deinen spirituellen Meister anhöre? Sitze ich hier auf Kosten meiner Zeit und meines Vermögens, nur um dir zuzuhören, wie du die Herrlichkeiten deines Meisters diskutierst? Inwiefern wird mein Eigeninteresse befriedigt, wenn ich mir  Diskussionen über deinen Meister anhöre? Warum sollte sich in mir auch nur die geringste Neugierde entwickeln, etwas über ihn zu hören?"

Das Reich der verschiedenen Eigeninteressen

In diesem Reich des dvitīya-abhiniveśa - wo die Menschen mit anderen Dingen, als mit der Höchsten Absoluten Wirklichkeit beschäftigt sind - werden zwangsläufig eine Menge solcher Fragen und Einwände aufkommen. Das liegt daran, dass in dieser Welt alle  Individuen  durch eine Sache voneinander getrennt sind - der Illusion. An einem solchen Ort unterscheidet man in der Tat zwischen 'Du' und 'Ich', 'Dein' und 'Mein'. Folglich kann das Eigeninteresse eines Menschen nicht mit dem Eigeninteresse eines anderen in Einklang gebracht werden. Ebenso wenig erweckt das Glück des einen Menschen das Glück des anderen. In dieser Welt voller unterschiedlicher Interessen gibt es sogar Interessenunterschiede zwischen Mutter und Sohn, Ehemann und Ehefrau, Meister und Diener sowie Lehrer und Schüler. Daraus folgt, dass hier, wo es viele Unterschiede gibt, die Worte 'das Interesse  meines spirituellen Meisters' dieselben Gefühle der Getrenntheit oder Ungleichheit im Herzen hervorrufen.

Echte Kongruenz (Übereinstimmung)

Eine solche Inkongruenz (Unstimmigkeit) gibt es jedoch in der spirituellen Welt nicht, wo die Absolute Wahrheit, der Sohn des Königs von Vraja (advaya-jñāna Vrajendra-nandana), das ausschließliche Objekt (viṣaya) des Interesses ist. Das einzige Interesse der Bewohner des spirituellen Reiches, das als āśraya (Wohnstätten der Liebe) bezeichnet wird, besteht darin, Ihm Glück zu bringen. Daraus folgt, dass an diesem Ort, wo jeder nur ein einziges Interesse hat und wo es nur eine einzige Person als Mittelpunkt genießt, die Manifestation von Dualität unmöglich wäre. In diesem Bereich gibt es keinen Unterschied zwischen 'deinem' Meister und 'meinem' Meister, denn wenn man dort von den Herrlichkeiten 'meines' Meisters spricht, spricht man automatisch auch von den Herrlichkeiten 'deines' Meisters und umgekehrt: Wenn du von den Herrlichkeiten 'deines' Meisters sprichst, höre ich nur die Herrlichkeiten 'meines' Meisters.


Die zahllosen ewigen Gefährten Śrī  Krsnas, der die nicht-duale Absolute Wahrheit und das einzige Objekt der Liebe (advaya-jñāna viṣaya) ist, sind in der Tat Sein vaicitrya-tattva oder das grundlegende Prinzip der Vielfalt. Ihr ausschließliches Interesse besteht darin, die Sinne Śrī  Krsnas zu befriedigen. Könnte es unter denjenigen, die ständig damit beschäftigt sind, Śrī  Krsnas Sinne zu befriedigen, überhaupt unterschiedliche Interessen  geben?

Daher mögen die Menschen in dieser Welt der Ungleichheit die Berichte meines Meisters ehren oder nicht. Da ich jedoch ein bescheidener Hund bin, der von den Überresten meines Meisters lebt, ist es meine einzige verfassungsmäßige Pflicht und Aufgabe (dharma), seinen Ruhm zu preisen.

Der rechtmäßige Meister meines Herzens

Unter dem Wort Prabhu (Meister) verstehe ich die Person, die ihre Autorität in jeder Hinsicht auf mich ausdehnen kann, die vollständig und immer die Kontrolle über mein ganzes Herz ausüben kann und die in jeder meiner Handlungen, jedem Schritt, jedem Ein- und Ausatmen und jeder Lebensanweisung mein einziges Ideal, Ziel und Führer ist. Diese Person allein ist mein Meister. Jemand, der eine Zeit lang mein Herz beherrscht und nach einer Weile wieder daraus vertrieben wird, der für einige Augenblicke mein Vorbild ist, es aber nach kurzer Zeit nicht mehr ist, ist nicht würdig, mein Meister genannt zu werden. Es ist also, dass eine solche Person oder Sache eine bloße Illusion oder eine Laune des Geistes ist.


Von Natur aus bin ich kritisch eingestellt und ich suche immer nach Fehlern in anderen. Mein Herz ist so sehr an meinen Körper und meinen Wohnsitz angehaftet, dass die Gottgeweihten mich gṛha-vrata nennen, jemanden, der durch ein Gelübde an sein Zuhause und seine Bedürfnisse gebunden ist. In meinem Studium des Lebens von Śrī  Prahlada Maharaja habe ich gelesen:

matir na kṛṣṇe parataḥ svato vāmitho ’bhipadyeta gṛha-vratānām

adānta-gobhir viśatāṁ tamisraṁpunaḥ punaś carvita-carvaṇānām

Nachdem ich diese Worte von Śrī  Prahlada Maharaja verinnerlicht habe, bin ich völlig überwältigt von Hoffnungslosigkeit. Śrī  Prahlada Maharaja bezieht sich hier auf einen Menschen, der an seinem Körper und seiner Wohnung hängt, mit anderen Worten, auf einen Menschen, der erklärtermaßen entschlossen ist, sich nur um die Funktionen seines Körpers und die Notwendigkeiten sein  Wohnort erfordern, zu kümmern. Da seine Sinne unstetig sind, ist er nicht in der Lage, seinen Geist in die richtige Richtung zu lenken - zu Śrī  Krsna. Er kann dies weder aus eigenem Antrieb noch mit der Hilfe von jemanden bewältigen, vor allem dann nicht, wenn derjenige, dessen Hilfe er sucht, sich von den Lehren eines gurus leiten lässt, der genauso impulsiv ist wie er, d.h. jemand, dessen Herz nicht friedvoll ist. Ein solcher Mensch stößt einfach immer wieder auf Schwierigkeiten und Leiden, wie jemand, der immer wieder kaut, was andere bereits gekaut und ausgespuckt haben.


Früher habe ich viele Orte und religiösen Gruppen besucht, und habe an vielen religiösen Versammlungen teilgenommen, aber ich hatte nie das Glück, einen Mahatma, eine große Seele, zu finden, die mein Herz vollkommen gefangen nehmen konnte.

Abgelenkt in Richtung Illusion

Ich habe erklärt, dass nur derjenige mein Meister sein kann, der mir immer und bei jedem einzelnen Schritt ein Vorbild ist, aber einige mögen darin nicht meiner Meinung sein. Mir scheint jedoch, dass diese Menschen sich einfach selbst betrügen. Ich bin extrem schwach und zynisch. Wenn ich einen Menschen sehe, der die Hälfte der vierundzwanzig Stunden des Tages in den Versuch vertieft ist, hari-bhajana zu praktizieren, und dann während der anderen Hälfte des Tages mit Aktivitäten beschäftigt ist, die mit Sinnesobjekten zu tun haben, zögere ich, ihn als  meinen Meister zu akzeptieren und ihn so zu nennen. Der Grund dafür ist folgender: Es liegt in meiner Natur, nur Fehler zu sehen. Wenn diese Person sich bemüht und verschiedene Anstrengungen unternimmt,  Sinnesobjekte zu erlangen und dies in meinem Herzen auftaucht, dann, abgesehen von ihren Bemühungen in hari-bhajana, denke ich darüber nach und gerate sofort noch mehr als zuvor unter die Herrschaft der Sinnesobjekte. Ich fange an nachzudenken und komme zu der Schlussfolgerung, dass, wenn diese Person, die ich zu meinem Idol gemacht habe, einen Teil ihrer Zeit damit verbringt, den Sinnesobjekten zu dienen, warum sollte ich es ihr dann nicht gleichtun, da ich sein Schüler bin und er mein guru ist?

Diese Art von Gedanken beherrschen mein Herz, und als Ergebnis wähle ich jemanden, der ein Sinnesgenießer ist, als meinen guru. Aber dann stelle  ich fest, dass ich statt krsna-vastu (d.h. jemand, der sich qualitativ nicht von Krsna unterscheidet - saksad-dharitvena) als meinen guru zu haben, die Illusion' diese Stellung an sich gerissen hat. Es ist die Illusion, die in Form eines falschen gurus die Herrschaft über mein Herz eingenommen hat und sich nun auf meinen Kopf stellt. Deshalb habe ich mich bemüht, in Übereinstimmung mit den  Unterweisungen der Heiligen Schriften ein festes Gelübde abzulegen, um diese Illusion aufzugeben.

avaiṣṇavopadiṣṭena

 mantreṇa nirayaṁ vrajet

 punaś ca vidhinā samyag

 grāhayed vaiṣṇavād guroḥ


Hari-bhakti-vilasa (4.366)


(zitiert aus Śrī  Nārada-pañcarātra)


Wenn man die Mantra-Einweihung von einem Nicht-Geweihten (avaiṣṇava) erhält, kann dessen Ziel nur die Hölle sein. Deshalb soll derjenige, der dies getan hat, Zuflucht bei einem echten Vaiṣṇava-Guru suchen und die Wiedereinweihung auf vollständige und angemessene Weise erhalten, indem er alle vorgeschriebenen Anweisungen befolgt.

Daher ist ein guru, dessen Form der Illusion ähnelt (maya-rupi-guru*), ein avaiṣṇava, ein Nicht-Geweihter, und die Einweihung oder Führung durch ihn wird mich in die höllischen Regionen versenken. Mit diesen Überlegungen nahm ich gemäß den Anweisungen der Heiligen Schriften Zuflucht bei einem Vaiṣṇava-Guru. Gemäß den von Śrī man Mahaprabhu beschriebenen Erkennungsmerkmalen eines Gottgeweihten verstehe ich das Wort "Vaiṣṇava" auf folgende  Weise:

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*Ein guru, der nicht krsna-vastu ist, d.h. der nicht eine direkte Manifestation Krsnas ist und sich qualitativ nicht von ihm unterscheidet (saksad-dharitvena) und der nicht vierundzwanzig Stunden am Tag mit hari-bhajana beschäftigt ist.


yāṅhāra darśane mukhe āise kṛṣṇa-nāma

 tāṅhāre jāniha tumi ‘vaiṣṇava-pradhāna’

Śrī  Caitanya-caritamrta (Madhya-lila 16.74)


Wisse, dass die Person, bei deren Anblick der heilige Name auf der Zunge zerbirst (sphurita), unter den Vaiṣṇavas herausragend ist. Mit anderen Worten, er ist ein herausragender maha-bhagavata.

Der Ruhm meines Meisters

Vaiṣṇavas sind unerschütterlich an den heiligen Namen angehaftet. Sie vergeuden ihre Zeit nicht einmal für einen Moment mit anderen Aktivitäten. Deshalb bewirkt allein der Anblick solcher Menschen, dass der Heilige Name im Herzen erscheint. Mit anderen Worten, es entsteht der Wunsch, hari-bhajana auszuführen. Auf diese Weise hat mein Prabhu (Meister) die Kontrolle über mein Herz ausgeweitet. Ich wurde Zeuge, wie er Tag und Nacht nie auch nur einen Bruchteil eines Augenblicks mit einer anderen Tätigkeit als hari-bhajana, dem Chanten des Heiligen Namens, verbrachte. Wenn ich jemals gesehen hätte, dass er dreiundzwanzig Stunden, neunundfünfzig Minuten und neunundfünfzig Sekunden des Tages hari-bhajana  ausübte, dann aber in der letzten verbleibenden Sekunde seine Aufmerksamkeit auf ein anderes Objekt gerichtet hätte, dann hätte mein Herz nicht beherrschen können, da ich völlig an Körper und Haus (gṛha-vrata) gebunden bin.

In meinem Leben habe ich nie gehört, dass er irgendeine andere Aktivität als hari-bhaja unterwies. Seine einzige Anweisung war: „Das Lebewesen hat weder eine andere Verpflichtung als kontinuierlich hari-bhajana auszuüben, noch wird es jemals eine andere Verpflichtung haben. Es ist in der Tat eine Illusion, zu glauben oder zu wissen, dass es eine andere Verpflichtung als hari-bhajana geben könnte."

Inwieweit wird eine Gesellschaft, die wahnsinnig in materiellem Streben versunken und konfus durch Wissen ist, das durch Sinneswahrnehmung erworben wurde, die Worte meines Meisters zur Kenntnis nehmen und respektieren? Das weiß ich nicht. Nichtsdestotrotz ist es für mich ganz offensichtlich, dass seine Worte die einzige Richtlinie sind, die einen jiva zu seinem endgültigen Glück führen kann. In seinen Liedern hat Śrīla Narottama Ṭhākura Mahasaya auch alle anderen Vorstellungen verurteilt, wie folgt:

ara jata upalambha visesa sakali dambha
dekhite lāgaye mane vyathā


Śrī  Prema-bhakti-candrikā (2.7)

Abgesehen davon sind alle fehlerhaften Philosophien, die es gibt, einfach nur Ausdruck von Arroganz. Für jemanden, der sie respektiert und sich bemüht, sie zu verstehen, sind quälende geistige Schmerzen das einzige Ergebnis.

Außerdem stammt diese einzige Anweisung aus dem Munde von Śrī  Bhagavan Gaurasundara Selbst: „kirtaniyah sada hari - srī  harinama-sankīrtana soll zu jeder Zeit ausgeführt werden" (Śrī  Śikṣāṣṭaka 3). Hier bedeutet das Wort sada 'ohne Unterbrechung'. Mit anderen Worten, es wird die Beständigkeit betont.

Tridandipada Śrī  Prabodhananda Sarasvatī gibt auch die Unterweisung: 'Sakalam eva vihāya dūrād caitanya-candra-caraṇe kurutānurāgam:- lasst alles andere weit hinter euch und entwickelt Anhaftung an die Lotusfüße von Śrī  Caitanya-candra" (Śrī Caitanya-caritāmṛta 10).

Śrīla Rūpa Gosvāmīs Vers anyābhilāṣitā-śūnyaṁ, sowie die Aussage von Kapiladeva im Śrīmad-Bhagavatam (3.29.12): 'ahaituky avyavahitā yā bhaktiḥ puruṣottame – jenes bhakti, das Mir, Puruṣottama, dargebracht wird, ist ahaituky, frei von allen Wünschen, außer dem einen Wunsch Bhagavan zu dienen, und avyavahitā frei von den Hindernissen des karma, jñāna und so weiter...' (zitiert im Bhakti-rasamrta-sindhu). Beide zelebrieren die Tatsache, dass fortwährender, kontinuierlicher hari-bhajana die ultimative Form der Glückseligkeit für die Lebewesen ist.

Das Verhalten meines spirituellen Meisters und der kīrtana, den er ausführt, haben in der Tat unaufhörlich diese Tatsache bewiesen. Daher ist 'mein' Meister derjenige, der das tiefste Verlangen im  Herzens von Śrī  Caitanya erfüllt und unter den rūpanugas an erster Stelle steht. Die Schönheit des Dienstes 'meines' Meisters zieht sogar Śrī  Madana-mohana selbst an. Mein Meister kann etwas, das unansehnlich (kurūpa) ist, in etwas Schönes (surūpa) verwandeln. Er kann meine niedrige Wahrnehmung (kudarsana) vertreiben und sie in eine schöne (sudarsana) verwandeln. Mein einziger Wunsch ist die Sehnsucht, Leben für Leben,  einem solchen Meister zu dienen und bestrebt zu sein, die Reste der Diener seiner Diener zu erlangen.

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Übersetzt ins Englische vom Rays of The Harmonist Team CC-BY-SA Rays of The Harmonist
"Erste Ausgabe zum Jahrestag des Verscheidens", Nr.25 (Tirobhava Tithi 2011)

Übersetzt ins Deutsche vom Team des „Harmonist.de“ Dezember 2023

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