Freude

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Lieber A, liebe B, liebe Kinder,

Am 27. ist Sri Caitanya-Mahaprabhu’s Avirbhava. Möge das, was Er eigentlich wollte, uns deutlich erkennbar werden. Der Anfang für uns besteht in dem Frei-Werden von Dogmen, allem Festfahren in dem, was andere vor oder mit uns, also zu unserer Zeit, erlebt haben, erklärt haben. Wer Caitanya’s Stellung zur Masse der Überlieferung beobachtet, lernt, dass Er nicht mochte, dass unser Herz und Denken eine Ablage von Gedanken, Erfahrungen anderer wird. Auf Seinen Fahrten durch Indien besuchte Er zahllose Tempel etc. aller Gottheiten und Sakti-s.

Aller Anfang ist zu sein, wer und was man ist, nur dann kann man wirklich froh sein und froh werden. Sich in eine geistige Uniform hineinzuquälen – und mag sie noch so seligmachend scheinen – kann nur eine Haltung sein, die Krishna im Bhagavatam XI scharf verwirft.

Man kann dem Mitmenschen helfen, er selbst zu sein, nicht metaphysisch, transzendent, sondern ganz schlicht menschlich, mit allen Tugenden und Schwächen. Niemand soll versuchen, über seinen eigenen Schatten springen zu wollen oder andere dazu veranlassen. Man muss dem anderen Spielraum lassen, so zu sein, wie er ist. Freiheit bedeutet immer Freiheit für den anderen, sonst ist sie keine. Gott will ja, dass wir so frei sind wie Er Selbst, Er will keine Sklaven.

B. ist gesund, sie leidet nur unter der Tatsache ihrer eigenen Beschränkungen – physisch und psychisch – und das tun wir alle bis zu einem gewissen Grade. Nur ist sie sensitiver als Du und ich. Das „Böse“ ist nur das Erlebnis ihrer Einengung durch die Gegebenheiten dessen, was sie möchte und was sie kann. Doch mit den Grenzen unserer eigenen karmischen Möglichkeiten müssen wir uns abfinden und innerhalb dieser Grenzen tiefer streben. Wir können diese Grenzen nicht durchbrechen – denkt an Arjuna und was Krishna ihm sagte.

Es ist auch nicht gesund, wenn sie so viel allein ist und nur Dich hat, mit dem sie sprechen kann. Sie kann ja nicht nur von „metaphysischen“ Brocken leben – soll sie doch mal mit anderen Menschen sprechen. Ich weiß, dass es schwer ist, denn ihr habt euch dort so isoliert, was ich von vornherein nicht wünschte. Vielleicht ist sie auch durch den früheren Zwang, den verschiedene Gruppen über sie ausüben wollten, unsicher geworden, ihren eigenen Weg zu finden.

Sie schreibt von einem Helmfried Müller, durch den ihr das Buch von Chögyam Trungpa* erhalten habt. Ich kenne es nicht, aber es kann nicht sein, dass ein Buch ohne die Grundpfeiler des Sambandha-Jnanam nur an der Auslassung der Bhakti und Prema-Bhakti krankt. Es gibt viele Wege – auch atheistische, aber sie können nicht Grundlage für Karma, Jnanam und Bhakti sein. Aber diese atheistischen Wege führen wohl zum Sunyam, Nirvanam etc. und es mag wohl einer dort sein Ziel finden. Meine Pflicht ist, jeden zu ermutigen, der wahre Sraddha in einen echten Weg hat – aber das bedeutet nicht, dass die Sastram-s oder ich eine mystische Gleichsetzung aller Wege oder Möglichkeiten befürworten.

In Indien ist alles anders als manche es darstellen – Mann und Frau können jeder ihren eigenen Guru haben, ihren eigenen persönlichen Weg gehen, ohne sich wechselseitig ab- oder überzubewerten. Es muss gar niemand etwa den Weg der exklusiven Bhakti gehen – Bhagavan liebt jeden am meisten, so er nur ganz aus sich heraus offenherzig ist.

Wenn man von dem Weg, den man zu gehen versucht – Mantras und Kraft-Übertragung von Guru etc. Wunder erwartet und dann enttäuscht ist, weil nichts Außerordentliches geschieht, ist das die Folge einer verkehrten Unterweisung oder eines Missverständnisses einer rechten Unterweisung – es wiegt nicht, was man tut und anderen sichtbar ist, sondern was die innere Einstellung, die Ausrichtung ist – während man nach außen oder von außen her gesehen, genau so ist wie andere Menschen, die vielleicht ganz unreligiöse oder ganz gewöhnliche Spießer zu sein scheinen. Wenn man meint, man müsse etwas Besonderes sein und sich selbst überfordert, gerät man unter einen Stress, den man sich selbst aufzwingt und man gerät dann in Verzweiflung, weil man sein „Ziel“ nicht erreicht hat und kämpft den sinnlosen Streit des einen „Selbst“ gegen das andere „Selbst“. Es genügt – und das ist gar keine einfache Sache – wenn man gut zum anderen Menschen ist, das Leben und dessen Probleme von seiner und nicht nur der eigenen Seite her sieht. Liebe Freunde, in Euren beiden Brief steht nichts, was Euch selbst nicht bekannt wäre und nichts, was der andere nicht weiß. Aber es fehlt eins: ihr beide müsst euch klar dessen bewusst sein, dass ihr beide zwei Kinder habt, die Liebe brauchen und auch für die Zukunft wirtschaftlich-finanziell sichergestellt werden müssen – leider gibt es da keinen Ausweg. Falls Du eine Stellung findest, die Dir und Deiner Familie ein Auskommen gibt, umso besser. Den Beruf, der einen ganz erfüllt und beglückt und materiell absichert, gibt es nicht. Auch die Romantik von in der Natur leben und im Rhythmus des Waldes leben erweist sich als schöne Träumerei – ich hatte sie auch als ich in der Jugendbewegung+ war. So wir müssen alle viel Lehrgeld bezahlen in der Jugend und müssen als Ergebnis unserer Fehler und trotz unserer vergangenen Fehler ein Leben zu leben uns bemühen, in dem das harte „Muss“ und das fröhliche „Mögen“ sich irgendwie die Hand reichen.

Der Mensch ist ein Gesellschaftsmensch und braucht Diskussion mit Menschen, die ähnlicher Stufe sind.

Was mich anlangt, seit dem kleinen Schlaganfall im letzten Sommer bin ich nicht so reisefreudig. Jedenfall muss ich euch treffen, hier oder sonstwo. Ich glaube, dass nichts vorwärts gehen kann, wenn es nicht Freude, direkt oder indirekt, bedeutet.

Man muss unterscheiden: (1) man hat einspitzige Bhakti, dann ist alles was man tut, Seine Seva; (2) man hat sie noch nicht – dann gilt was Caitanya und Nityananda den Raghunatha lehrten: „Sei geduldig, denn nur schrittweise erlangt man das andere Ende der Welt. Entsage nicht äußerlich; lass deine Sinne ihren Weg gehen, aber leidenschaftslos.“ –

Doch es gibt viele Übergangsformen zwischen Karma, Jnana und Bhakti, die ausführlich im Bhagavatam und in Jiva Goswami’s „Bhakti Sandarbha“ beschrieben werden – in der Mannigfaltigkeit dieser Verbindung hat ja Caitanya Seine Freude. Also wenn man in der Welt tätig sein muss, so muss man auch nach „Erfolg“ streben, nicht als Eigenzweck und Streben nach Ruhm, aber man muss auch Anerkennung seiner Arbeit finden, denn sonst kann man seine Stellung in der Welt und Beruf nicht erhalten. Denn ohne eigene gewisse Befriedigung kann man nicht existieren. Krsna und Caitanya haben alle ermahnt, ihre Pflicht in der Welt nicht zu vernachlässigen. Natürlich ist das nicht eigenständiger, vom ganzen Sein losgelöster Selbst-Zweck, sondern Stufe – aber nicht unbedeutend, sondern wichtig.

Streben nach Erfolg als Mittel zur Seva muss vorhanden sein, das ist nichts Negatives. Die „Gurus“ verleiten ihre Schüler, alles aufzugeben, damit sie billige Arbeitskräfte haben und indem sie den Jüngern weismachen, wie schnell oder direkt die Jünger Erleuchtung etc. erhalten – das ist verantwortungsloser Betrug.

Also, hoffentlich habt ihr beide bald wieder Mut und Freude, so dass ihr beide fröhlich seid in der Erfüllung eurer kleinen oder großen Pflichten und Freuden – hoffentlich fühlt ihr weder Beruf noch Pflicht als Last, habt Vertrauen in- und zueinander und auch zu eurem alten Freund Sada.

Radhe! Radhe! Meine Liebe zu den Kindern

(Auszug von einem Brief von Svami Sadananda Dasa 1975)

© Kid Samuelsson 2014 zuletzt geändert 17.7.14

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Fußnote:

* Chögyam Trungpa: Cutting Through Spiritual Materialism. Boston 1974.

+Er bezieht sich hier auf die aus der Wandervogel-Bewegung (1896-1913) entstandene Bündische Jugend (1919-1933), eine Vielfalt von Jugendbünden, die sich nach dem 1. Weltkrieg bildeten und politisch sehr unterschiedlich – von „völkisch“ über pazifistisch bis kommunistisch – ausgeprägt waren.

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