Eugenetik

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Tridandiswami Bhakti Hridoy Bon Maharaja

Aus „Meine Vorträge in England und Deutschland“ (orig.: „My lectures in England and Germany“)

Vortrag, gehalten am 15. Juni 1933 in der Gesellschaft für die Förderung von Religionswissenschaft, 17 Bedford Square London, W.C I. Den Vorsitz führte der Hochwohlgeborene Marquise von Zetland, GCSI, GCIE.

Höchst verehrter Marquis von Zetland, meine Damen und Herren

Schönheit, Stärke und Gesundheit von Körper und Geist werden von jedem Menschen auf dieser Welt begehrt. Jeder ist sich bewusst, dass sie nicht von Dauer sind. Aber wenn man einen Menschen bittet, die Wesenheiten zu nennen, die er sich am meisten wünscht, werden er und sie sich zweifellos für diese drei entscheiden. Die Wohltäter der Rasse wollen auch günstige Bedingungen für die Produktion von schönen, starken und gesunden Männern und Frauen schaffen. Die Wissenschaft der Eugenetik ist eine der am schnellsten wachsenden Studien des zwanzigsten Jahrhunderts. Deutschland hatte sich offiziell zu den Schlussfolgerungen dieser Wissenschaft bekannt, die es einst mit gesetzlichen Sanktionen zu erzwingen versuchte.

Der Wunsch, die Vergnügungen dieser Welt aufrechtzuerhalten, ist nicht sehr weise, da er auf der Unkenntnis der wahren Natur dieser Vergnügungen beruht. Sinnliches Vergnügen ist ebenso eine Täuschung wie sinnlicher Schmerz. Sie sind die komplementären Aspekte desselben Wesens, wenn man den Schmerz beseitigen will, sollte man auch bereit sein, das Vergnügen zu verbannen.

Essen ist eine Quelle der Freude. Es gibt eine große Vielfalt an Geschmäckern. Ein und derselbe Geschmack ist nicht immer für jeden angenehm. Jeder Geschmack hat seine Berechtigung. Selbst das Abstoßendste ist nicht immer und unter allen Umständen schlecht. Das Gelingen einer guten Küche hängt von der Kombination der verschiedenen Geschmäcker in einem immer neuen Zusammenspiel und Verhältnis ab. Das bedeutet, dass nichts an sich wirklich angenehm oder schmerzhaft ist. Die Heilige Schrift sagt, dass alles schmerzhaft ist, sonst wäre keine Linderung jedes einzelnen Geschmacks notwendig. Das Prinzip dieses Lebens selbst ist also die Ursache allen Elends. Die sogenannten Vergnügungen des Lebens sind nur die ergänzenden Formen des Schmerzes.

Das gilt auch für Schönheit, Gesundheit und Kraft. Nichts ist schön, außer dem, was für die nicht analysierbare und sich ständig verändernde Phantasie des Betrachters im Moment schön ist. Stärke ist auch insofern eine falsche Bezeichnung, als sie als eine zufällige, ungewisse und teilweise Freiheit von größeren und spezifischen Formen der Schwäche betrachtet werden sollte. Die Gesundheit ist nur eine besondere Form der Krankheit und nicht weniger missverständlich als die Krankheit selbst. Gesundheit ist der Aspekt der Krankheit, der sich seiner eigenen kontinuierlichen Existenz nicht bewusst ist. Sie ist die Zeit der Inkubation.

Wenn es das Ziel ist, das Brot der Rasse zu verbessern, sollte es unsere erste Pflicht sein zu klären, dass der Besitz von Gesundheit, Stärke und Schönheit als Selbstzweck wünschenswert ist. Die Götter sind mit diesen begehrenswerten Gütern ausgestattet, auch die Dämonen, und zwar in viel größerem Maße als die Menschen. Die Heilige Schrift erklärt, dass dieser Besitz sowohl die Götter als auch die Dämonen auf der Skala der Wesen niedriger als die Menschen einordnet, in Bezug zur Erreichung des normalen, d. h. wirklich gesunden Zustands.

Diese weltlichen Güter sind nicht nur gut, sondern sie sind positiv schädlich für ihre Besitzer, wenn sie als wertvoll angesehen werden. Alles in dieser Welt kann natürlich für den Dienst Gottes verwendet werden. Gesundheit, Schönheit und Stärke von Körper und Geist können auch so genutzt werden. Aber diejenigen, die diese Eigenschaften besitzen, sind fast nicht geneigt, sie für einen solchen Zweck einzusetzen.

Warum sind diese Dinge so sehr begehrt? Liegt es nicht daran, dass sie eine Quelle unmittelbarer und künftiger Freude für ihre Besitzer und für andere sind? Es ist für den Menschen unmöglich, sich der Verliebtheit in den angenehmen Gebrauch dieser Dinge zu entziehen? Aber sobald man in sie verliebt ist, wird man entweder auf den Status des Himmlischen erhoben oder in den Zustand der Dämonen degradiert. Mit anderen Worten: Personen, die über große körperliche und geistige Begabungen verfügen, sind entweder epikurisch, das heißt, sie schenken dem höheren Leben keine Aufmerksamkeit oder sie sind dem höheren Leben gegenüber sogar feindlich eingestellt. Die Götter gehören zur ersten, die Dämonen zur zweiten Kategorie.

Es ist auch nicht wünschenswert auf Gesundheit, Schönheit und Stärke zu verzichten. Eine hässliche, schwache, von Krankheit befallene Person ist nicht notwendigerweise berechtigter ein höheres Leben zu führen.  Auf der anderen Seite ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Person neidisch ist auf jene, diese begehrenswerten Eigenschaften besitzt.  Von größerer Begierde getrieben, wird er danach streben, sie durch größeren Einsatz zu erlangen, und er wird das bekommen, was er so sehr begehrt, "wenn nicht in diesem Leben, so doch in einem anderen Leben".

Aber kein wirklich weiser Mensch sollte sich für diese Spielereien interessieren. Die attraktiven Eigenschaften von Körper und Geist haben keinen Wert für die Seele. Sie sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Die Seele allein ist schön. Die geistigen Formen aller Wesenheiten sind die einzigen, die alle wirklich guten und attraktiven Eigenschaften besitzen. Diese Eigenschaften hören auf, wirksam zu sein, sobald die irdischen Eigenschaften in der Weise kultiviert werden, wie es die Wissenschaft der Eugenik vorschlägt zu unternehmen und zu vollenden.

The Upanisads unterscheiden zwischen dem Guten und dem Angenehmen. Was immer angenehm ist, ist nicht gut. Man begehrt, was ist angenehm. Der Mensch ahnt nicht, wie folgenreich es ist, wenn er einen solchen verderblichen Weg einschlägt. Wer ein glücklicheres Leben erlangen will, muss ein sinnliches Leben unter allen Umständen vermeiden. Auch ein Leben der Enthaltsamkeit ist nicht um seiner selbst willen wünschenswert. Diese gegensätzlichen Temperamente sind gleichermaßen schädlich und sind in Wirklichkeit die komplementären Aspekte ein und desselben Wesens. Es ist notwendig, nach dem Guten zu streben, das weder Vergnügen noch Schmerz ist.

Ist Schönheit notwendig? Welchen Nutzen bringt sie dem Menschen? Sie macht den Menschen in den Augen seiner Mitmenschen attraktiv, und sie verschafft ihm mehr Möglichkeiten, sich den so genannten Vergnügungen des Lebens hinzugeben. Diese beiden Alternativen sind das Übel, das es zu meiden gilt. Kein Mensch darf für die Vergnügungen dieses vergänglichen Daseins leben. Der Schein trügt gewaltig. Was glänzt, ist nicht Gold. Es ist gewiss nicht der Zweck des menschlichen Lebens, sich einen Fundus an trügerischen und entwürdigenden Vergnügungen der groben und der subtilen Art zu sichern. Es sei daran erinnert, dass die Freuden des Geistes sich qualitativ nicht von denen des Fleisches unterscheiden.

Eine Person, die mit einem scharfen Auge für Schönheit ausgestattet ist, braucht sich nicht zu beglückwünschen, dass er eine Fähigkeit besitzt, die an sich unschätzbar ist. Die Seele ist von Natur aus mit einem vollkommenen Auge für die Schönheit ausgestattet. Die Augen des Fleisches, die vorgeben, Schönheit in der Nicht-Seele zu finden, unterliegen einer völligen Täuschung. Diejenigen, die geeignet sind, die Schönheit der Seele zu sehen, haben keine Anziehungskraft für ein Prinzip, das die verborgene, verdrehte Spiegelung derselben ist. Die Schönheiten dieser Welt sind die hartnäckige und unästhetische Verleugnung aller wahren Schönheit. Jemand, der auch nur die geringste echte Neigung zu einem geistigen Leben hat, kann nichts anderes als reine Abneigung gegen die sogenannten Schönheiten dieser Welt empfinden.

Diese Aussagen mögen allen Vorstellungen zu diesem Thema widersprechen, die selbst in diesem wissenschaftlichen Zeitalter verbreitet sind, das allem Anschein nach äußerst vorsichtig und nicht bereit ist, eine Ansicht zu vertreten, die nicht durch das Zeugnis der unvoreingenommenen Vernunft gestützt wird. Aber gibt es einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die Wissenschaft Zugang zur Wirklichkeit hat?

Körper und Geist sind keine Hilfen, sondern Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung des spirituellen Lebens. Wenn Körper und Geist verwöhnt werden, wie soll uns die Annahme eines solchen Kurses dazu befähigen, zur Verwirklichung unseres wahren Selbst und unserer ewigen und wahren Funktion voranzuschreiten? Es soll nicht die Angelegenheit von Körper und Geist sein, sich zwischen uns, und unseren Seelen zu stellen. Körper und Geist und ihre guten und schlechten Seiten sind in Wirklichkeit die schwarze Kunst der grausamen Zauberin, die uns mit allen Mitteln an deren Belange bindet.

Diese Welt ist überhaupt nicht unser Wohnort. Wir sind auch keine menschlichen Wesen. Das menschliche Leben hält uns in dem doppelten Kerker der Bedingungen dieses Gefängnislebens gefangen. Ist es unsere Pflicht, uns mit den Bedingungen dieses Gefängnislebens zu versöhnen? Ist es uns von der Vorsehung bestimmt, dass wir das Gefängnisleben beibehalten und es verschönern wollen? Man kann von keinem Menschen erwarten, dass er sich in ein Leben in Gefangenschaft verliebt, aus dem es kein Entrinnen geben soll. Warum sollten sich diebesser Wissenden dieser Welt selbstbewusst für eine so offensichtliche, selbstmörderische Torheit aussprechen? Goldene Ketten sind qualitativ nicht anders als eiserne Fesseln. Alles, was die Aktivitäten der Seele behindert, ist notwendigerweise ohne jede gute Qualität.

War es wirklich von Vorteil für uns, eine Fülle der so genannten guten Dinge dieser Welt zu besitzen und warum sollte sich die Vorsehung gegen unsere lobenswerten Bestrebungen zur Erlangung vom reinen Guten stellen? Sollten wir also nicht inmitten der Orgie innehalten und unseren richtigen Weg in einer wahrhaftigen und leidenschaftslosen Weise durchdenken?

Welchen Wert haben eine helle Haut, gut ausgebildete Muskeln, eine perfektes Immunsystem gegen Krankheiten, die schönsten Gesichtszüge? Sie ersticken buchstäblich unsere Seelen und nicht nur unsere Körper, wenn sie sich als dauerhaft erweisen. Schon jetzt hängen diese Eigenschaften wie Meilensteine um den Hals unserer Seelen. Die Seele wünscht sich, von der Sehnsucht nach all den sogenannten guten Dingen befreit zu werden, deren Berührung sie wahrlich verunreinigt. Sie hat keine Affinität zu irgendetwas in dieser Welt. Sie möchte von all ihren abnormalen weltlichen Affinitäten befreit werden. Sie möchte sich selbst überlassen werden, um eine Aufgabe zu erfüllen, die dem Wert ihrer vollkommen reinen Natur entspricht. Diese Welt und all ihre Belange können ihr nichts bieten, das annehmbar ist. Unter diesen Umständen will sie mit aller Demut wissen, was sie tun soll. Sie will sich nicht selbst zerstören. Sie will sich auch nicht nur von den Belangen dieser Welt fernhalten.

Ist es notwendig, zu leben und sich zu vermehren, um den bedingten Zustand zu intensivieren und zu verbreiten? Warum sollten wir uns von den gepriesenen Besitztümern des Menschen einladen lassen, uns mit Leib und Seele ihrem Streben hinzugeben? Wenn wir wirklich von der völlig illusorischen und erniedrigenden Natur weltlicher Besitztümer überzeugt sind, warum sollten wir uns dann nicht bemühen, über ihren wirklichen Nutzen erleuchtet zu werden, falls es einen solchen gibt?

Das einzige Hindernis, das uns als Einzelne und als Gemeinschaft daran hindert, nach dem Guten anstatt nach dem Angenehmen zu streben, ist die Eitelkeit. Wir sind eitel auf eine hohe Abstammung, auf Reichtum, auf überlegenes Wissen, auf persönliche Schönheit. Dementsprechend widmen wir uns der angenehmen Beschäftigung, diese vergänglichen und korrupten Besitztümer zu vermehren und zu bewahren. Die am höchsten zivilisierten Nationen sind keine Ausnahmen von dieser Regel. Sie gehen davon aus, dass jede mangelnde Bewertung der weltlichen Besitztümer notwendigerweise das Ergebnis der Verbitterung ist, die dadurch entsteht, dass es nicht gelingt, sich die begehrten Besitztümer dieser Welt zu sichern.

Die Gaudya Math rät niemandem, seine weltlichen Interessen, nach dem Verständnis von weltlichen Menschen, zu vernachlässigen. Aber diese Interessen werden völlig missverstanden. Wenn die Verfolgung weltlicher Interessen uns von allen Gedanken an unser Wohlergehen abhält, dann wäre das größtmögliche Malheur. Die Gauḍīya Math befürwortet nicht die Abschaffung irgendeines Rassenunterschieds oder irgendeiner historischen oder sonstigen historischen Institution. Der Gauḍīya-Vaisnavismus sichert jedem den ungestörten Besitz all seiner so genannten Güter dieser Welt zu. Wir befürworten keine Politik, die einen Menschen dazu bringt, sich anders zu verhalten, als er oder sie es gewohnt ist. Der Gauḍīya-Vaisnavismus will den weltlichen Dingen ihren gewohnten Lauf lassen.

Die Ordnung dieser Welt liegt nicht in den Händen des Menschen. Sie ist auch absolut fehlerlos und bedarf keiner Veränderung zum Besseren. Die Veränderungen, von denen die Menschen ständig heimgesucht werden, sind von der Vorsehung beabsichtigt. Deshalb ist es eine höchst unphilosophische Haltung und ein Zeichen völliger Dummheit, wenn wir irgendeine Instanz für die Ursache unseres Unglücks halten. Jeder erntet, was er oder sie sät. Aber jedem wird gegeben, was wirklich gut für ihn oder sie ist. Vom Standpunkt des Gebers aus betrachtet, gibt es keinen Grund, mit der Ordnung dieser Welt unzufrieden zu sein.

Daher ist der Gauḍīya-Vaisnavaismus gegen jene Ideen, die den revolutionären und reformierenden Aktivitäten zugrunde liegen, die aus Verachtung oder Bosheit gegenüber unseren Mitmenschen entstehen. Der Gauḍīya-Vaisnavaismus streitet sich nicht böswillig mit dem Status Quo. Er will verstehen, warum er so sein sollte, wie er ist. Er will verstehen, wie wir uns durch eine Politik der echten Nächstenliebe und des guten Willens und mit den Mitteln, die die Vorsehung jedem von uns zugedacht hat, an unsere Umgebung anpassen können.

Dagegen sollte es keinen vernünftigen Einwand geben. Jeder soll das behalten, was er hat, aber jeder soll nur sein völlig unvoreingenommenes Ohr den Botschaften der Seele leihen. Der selbstverwirklichte Lehrer informiert uns über unseren wahren Besitz. Er bringt die Nachricht von einem höchst wunderbaren Reich, dessen ewige Bewohner wir alle sind. Wir sind Exilanten in diesem Land der Illusion voller verstörenden sogenannten Freuden und Sorgen. Wir haben ein absolut gemeinsames Interesse an dem Land, aus dem wir stammen. Wir sind selbstsüchtig und bösartig aufgrund der Lebensbedingungen in dieser Welt. In unserem wahren Selbst sind wir weder egoistisch noch bösartig. Wir wollen wissen, warum wir uns überhaupt auf einer Ebene befinden, auf der wir solchen schädlichen und unangenehmen Missverständnissen ausgesetzt sind.

Der physische Körper ist die Ursache aller Missverständnisse. Jede Form von Bosheit entspringt dieser faulen Quelle. Warum sind wir so verliebt in diesen unnatürlichen Besitz? Zum Glück ist er äußerst wandelbar. Trotz aller Bemühungen, die wir unaufhörlich auf diesen wertvollsten unserer Besitztümer verwenden, ist er nie zufrieden und begehrt immer wieder Dinge, die uns in noch größere Tiefen des Kummers und der Verblendung stürzen.

Es gibt Wissenschaftler, Philosophen und Religiöse, die hoffen, den physischen Körper so verbessern zu können, dass er nicht mehr die Ursache all unserer Probleme ist, wie es gegenwärtig der Fall ist, sondern die Quelle ungetrübten Glücks wird. Aber das Vergnügen ist niemals das Gute. Die beiden sind kategorisch verschieden und völlig unvereinbar miteinander. Der Körper ist die Ursache des Vergnügens. Er kann niemals die Quelle des Guten sein, selbst dann nicht, wenn wir uns dem Ideal hingeben, den Körper als Sprungbrett zum niemals endenden Vergnügen zu nutzen. Wenn der Genuss des Vergnügens wirklich hinderlich für die Seele ist, sollten wir unsere gegenwärtige Politik überdenken und die Verfolgung eines selbstmörderischen Kurses vermeiden.

Der Gaudiya Vaisnavismus empfiehlt keine Askese. Genauso wenig wie der Seele gedient ist, wenn man den Weg des sinnlichen Genusses geht, kann es für die Seele keine Erlösung geben, wenn wir einfach alle Tätigkeit beenden oder die entgegengesetzte Methode verfolgen, indem wir Elend und Entbehrung hofieren. Wenn die bloße Anwendung einer der beiden Methoden uns helfen würde, das Gute zu erreichen, dann hätte die Vorsehung die Angelegenheiten dieser Welt nicht mit einem zwiespältigen Charakter versehen. Sowohl der weltliche Wohlstand als auch das weltliche Unglück müssen einen echten Nutzen haben. Diejenigen, die sich gerade in einer schlechten weltlichen Lage befinden, brauchen nicht anzunehmen, dass ihre erste Pflicht darin besteht, dieses Elend zu beseitigen, bevor sie in der Lage sind, sich dem Streben nach dem Guten zu widmen.

Die Historiker Indiens sind sich einig, dass die Armut, der Verlust an politischer Macht und der moralische Verfall des Volkes das Ergebnis der schuldhaften Vernachlässigung weltlicher Angelegenheiten unter dem Einfluss einer Religion sind, die die Wertlosigkeit weltlicher Beschäftigungen propagiert. Die Religion Indiens und jedes anderen Landes entmutigt die Weltlichkeit, nicht aber die stolze Ausübung weltlicher Beschäftigungen. Die Auseinandersetzung geht darum, was die Angemessenheit des weltlichen Verhaltens ausmacht. In Indien wie anderswo bieten verschiedene philosophische Systeme unterschiedliche Interpretationen der Lehre der Heiligen Schrift. Dennoch ist es möglich, die wirkliche Lösung aus dem Inneren unseres eigenen Selbst heraus zu finden, kombiniert mit dem vorsichtigen Studium der Geschichte und der Heiligen Schrift.

Dieses Leben ist an sich weder gut noch schlecht. Je nachdem wie man es nutzt kann es gut oder schlecht sein. Es ist schädlich, mit der Gegenwart zu hadern. Wir müssen unsere Angelegenheiten so nehmen, wie wir sie vorfinden, und mit unseren derzeitigen Möglichkeiten und Ausstattung an die Arbeit gehen. Aber was sollte unser wahres Ziel sein? Sollen wir uns auf die Suche nach Vergnügen oder auf die Suche nach dem Guten begeben oder Ist Beides das Gleiche?

Empirische Wissenschaft und empirische Philosophie scheinen die Ansicht zu bevorzugen, dass Vergnügen gut ist und dass das Ziel des Vergnügens unser einziges legitimes Geschäft ist. Der Vaisnavismus lehnt die Ansicht ab, dass das Vergnügen das letztendliche Ziel des Lebens ist, und befürwortet auch keine pessimistische Sicht des Lebens. Es gibt einen wirklichen Nutzen des menschlichen Lebens. Dieser Nutzen ist frei von jeglichem Verlangen nach Vergnügen und Schmerz. Vergnügen ist körperliches und geistiges Wohlbefinden. Diejenigen, die nach körperlichem und geistigem Wohlbefinden streben, werden zu Sklaven sinnlicher Impulse in grober und feinstofflicher Form. Das ist dem Interesse der Seele abträglich. Die Seele hat nichts mit Vergnügen oder Schmerz zu tun, Körper und Geist sind unweigerlich beidem unterworfen. Die Seele unterliegt dem Irrglauben, dass sie, da sie in Körper und Geist eingeschlossen ist, unvermeidlich Vergnügen und Schmerz unterworfen ist.

Solange Körper und Geist bestehen, kann sich die Seele nicht der Erfahrung von Lust und Schmerz entziehen, die mit dieser Verbindung einhergehen. Aber es ist eine Sache, sich gegen den eigenen Willen Lust und Schmerz zu unterwerfen, und eine ganz andere, diese Unterwerfung als wünschenswert zu akzeptieren. Wenn das Vergnügen gesucht wird, kann der Schmerz nicht vermieden werden, ebenso wenig wie der Wunsch, dass der vergnügliche Zustand dauerhaft sein möge. Wahrscheinlich sind nur wenige Epikureer konsequent genug, um sich Gedanken über die wahre Natur des Wesens zu machen, das sie für wünschenswert und natürlich erklären.

Was sowohl Epikureer als auch Stoiker wirklich wollen, ist jedoch weder Vergnügen noch Schmerz. Der Begriff "Glück" ist erfunden worden, um das universelle Bedürfnis auszudrücken. Aber das Glück wurde von seinen Verfechtern immer so definiert, dass es sich aus körperlichen und geistigen Zuständen zusammensetzt. Den Zustand dieses so genannten Glücks kann man auch durch körperliche und geistige Aktivitäten erreichen und wird nicht als eine vom angenehmen Zustand getrennte und mit ihm unvereinbare Einheit angesehen.  Kein empirischer Psychologe ist in der Lage, der Seele irgendeine Funktion zuzugestehen, die unabhängig von derjenigen des Körpers und des Geistes ist.

Die Erzeugung von Nachkommenschaft sollte eigentlich nur die Aufgabe derjenigen Personen beiderlei Geschlechts sein, die sich nicht der Illusion hingeben, dass es ihre Pflicht ist, dazu beizutragen, ihre Nachkommenschaft mit körperlichen und geistigen Hüllen zur Befriedigung eines sinnlichen Appetits einzukerkern, der im Zustand der Einkerkerung unvermeidlich ist. Eine solche Absicht muss Folgen haben, die den Interessen der Seele ganz und gar abträglich sind. Je mehr der Mensch bestrebt ist, die Objekte seiner sinnlichen Befriedigung um dieser Befriedigung willen zu verfolgen, sei es in direkter oder in stellvertretender Form, desto weniger ist er sich wahrscheinlich der wahren Aufgabe bewusst, zu deren Erfüllung er von der Vorsehung in diese Welt gesetzt wurde.

In Indien gibt es zwei verschiedene Religionskodexe für alle Angelegenheiten dieser Welt, die behaupten, mit dem spirituellen Ziel des Lebens übereinzustimmen. Die Smṛti, die der nicht-theistischen Schule angehört, macht vor dem Svattika-Ideal halt. Dieses Ideal ist in gewisser Weise dem Eudämonismus ähnlich. Fühlen und Wollen sollen durch den Intellekt reguliert werden, der sie daran hindern soll, einen selbstmörderischen Weg einzuschlagen. Daher ist es nach dieser Schule notwendig, dass ein Mensch die Kontrolle über seine Sinne (Fühlen und Wollen) erlangt, bevor er als tauglich für die Fortpflanzung angesehen werden kann. Nach der nicht-theistischen smṛti muss sich jeder Schüler bis zum Alter von zweiunddreißig Jahren der notwendigen Ausbildung bei einem geeigneten Lehrer unterziehen, der ihm Selbstbeherrschung beibringt, indem er seine Schüler daran gewöhnt, ihm rigoros auf einer nicht-sinnlichen Ebene gehorsam zu sein. Das Leben, das der Schüler tatsächlich im Haus seines Gurus führt, wird als wichtiger angesehen als jede Unterweisung, die ihm durch Bücher vermittelt wird. Der Guru hat die gesamte Verantwortung für die Erziehung seines Schülers, und seine Zustimmung ist erforderlich, wenn sein Schüler durch Heirat in die Welt eintritt. Die Ausbildung der Mädchen ist in diesem Kodex auf diese Art nicht vorgesehen.  Die Erziehung der Mädchen wird den Ehemännern, bzw. den Haushalten überlassen, denen sie jeweils angehören.

Dieses nicht-theistische Schema der Erziehung wird vom Gauḍīya-Vaisnavaismus und der theistischen smṛti nicht befürwortet.  Der spirituelle Kodex setzt das Ziel der Schülerschaft außerhalb der Sphäre dieses Lebens. Dieses Ziel bezieht sich nicht auf die Bedürfnisse von Körper und Geist. Fühlen und Wollen können nicht vom Wissen unterschieden werden. Jede Handlung ist von Elementen aller drei Prinzipien geprägt. Das Fühlen an sich entspricht der Empfindung von Lust und Schmerz, die alle Aktivitäten anregen und das konkrete Ziel liefern, das vom Wissen erfasst wird. In ähnlicher Weise versucht das Wollen, das die Funktion der verschiedenen Sinne ist, den Schmerz durch seine Aktivität unter der Leitung der Erfahrung loszuwerden, während das Wissen die konkrete Richtung der Handlung liefert, die durch das Fühlen gefördert wird. Die Sichtweise aller drei ist notwendigerweise auf den Bereich dieses Lebens beschränkt.

Es wird empfohlen, diese drei (Wissen, Fühlen, Wollen) gegeneinander abzuwägen, um das beste Ergebnis zu erzielen. Wenn man dem Wissen die absolute Führung der Dinge überlässt, findet es schnell heraus, dass Fühlen und Wollen zu flüchtigen und unerwünschten Ergebnissen führen. Daraufhin versucht das Wissen, sich durchzusetzen, indem es dazu rät auf das Fühlen und Wollen zu verzichten. Da das Erkenntnisvermögen als ein unverwechselbares Zeichen des menschlichen Zustands erscheint, ist ein solcher Anspruch des Intellekts nicht ganz unnatürlich. Der Grund für die Ablehnung des Gnostizismus liegt in der völligen Unfruchtbarkeit des durch ihn zu erreichenden Ergebnisses. Es mündet in die Selbstzerstörung.

Der Ausweg aus diesem Teufelskreis wird durch die Sātvata-Smṛti (spirituelle Reminiszenz) vorgeschlagen. Der Kodex wird in den Smṛti bzw., Reminiszenzen genannt, weil sie sagen, dass sie, aus den Veda, d. h. dem offenbarten Wissen, abgeleitet sind, im Unterschied zu dem Wissen, das mit dem Fühlen und Wollen und den entsprechenden Sinnesorganen dieses physischen Körpers und Geistes verbunden ist.

Das Sātvata-Smṛti schreibt eine häusliche Ausbildung unter dem Guru vor, aber nicht in der mechanischen Art, wie sie die nicht-spirituelle Smṛti vorsehen. Durch die bloße Gewöhnung des Schülers an ein entbehrungsreiches Leben können in der Tat bestimmte Eigenschaften gefördert werden. Die Sātvata-Smṛti wollen die Seele wieder auf ihrer wahren Ebene wiederbeleben, wo sie frei ist von jeglicher Verbindung zu dem kontaminierten Leben, das ihr im bedingten Zustand zur Verfügung steht. Das Wissen, Wollen und Fühlen wird nach ihrem Zweck beurteilt und danach, wie angemessen sie sich dementsprechend äußern.

Die spirituelle Lebensweise kann nicht durch weltliche Maßnahmen erreicht werden. Auch die Mittel sind notwendigerweise spirituell. Der spirituelle Guru geht der Aufgabe nach, die Seele seines Schülers wieder zu erwecken. Der Sinn des Lebens wird automatisch erreicht, sobald der Schüler die spirituelle Erleuchtung erlangt. Selbst während des Noviziats wird der spirituelle Schüler niemals auf eine mechanische Weise gelenkt. Die Führung, die der Guru anbietet, hat den Charakter eines Dienstes an seinem Schüler. Das Noviziat besteht in der willigen Annahme des vom Guru angebotenen Dienstes. Dem Schüler steht es immer völlig frei, den Dienst anzunehmen oder abzulehnen. Eine solche Beziehung zwischen Schüler und Guru ist nur auf der spirituellen Ebene möglich.

Die Heirat eines spirituell erleuchteten Menschen ist keine Angelegenheit dieser Welt und hat auch nicht das Ziel, gesunde, schöne und intellektuelle Nachkommen zu zeugen. Die Ehe ist ein Akt des Dienens und wird zum spirituellen Nutzen aller Wesen geschlossen. Ein solches Ideal der Ehe mag für die getrübte Sicht der bedingten Seelen weder attraktiv noch erfolgreich sein. Aber ein Gottgeweihter ist in der Lage, alle aufrichtigen Fragenden hinsichtlich dieser Sache zu befriedigen, und auf den Zweck des Sātvata-smṛti Indiens hinzuweisen.

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